Kritik von Hermann Lueer an den Thesen zur Weltcommune

20. Januar 2019

Im Folgenden dokumentieren wir einen weiteren Debattenbeitrag an unserem Text Umrisse der Weltcommune aus Kosmoprolet 5. Hermann Lueer, Autor des Buches Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung, kritisiert in anti-autoritärer Absicht vor allem unsere Überlegungen zur Arbeitszeitrechnung, die er als elementaren Bestandteil einer selbstverwalteten Produktion ohne übergeordnete Instanz begreift. Durch unsere grundsätzliche Ablehnung der Arbeitszeitrechnung würden wir der ‚Weltcommune‘ den materiellen Boden entziehen und in Utopismus verfallen.

Debattenbeitrag von Hermann Lueer

Ich habe euren Text zur Weltcommune mit großem Interesse gelesen. Den von euch ausgeführten ersten „Konturen eines freien Gemeinwesens“ würde ich weitgehend zustimmen:

eine an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtete Transformation der existierenden Maschinerie (These 3, Weltcommune 2018, 6ff),

die weitgehende Auflösung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit über eine andere Prioritäten der Ausbildung sowie die Abschaffung sinnloser, Automatisierung ermüdender und ansprechende Gestaltung bzw. Rotation weiterhin notwendiger Tätigkeiten (These 4, ebd., 15),

die Realisierung riesiger Zeitpotentiale über die Aufgabe allein für den Kapitalismus nützlicher Tätigkeiten (These 5, ebd., 12f),

die Emanzipation aus den heutigen Geschlechterverhältnissen über die Aufhebung der Abhängigkeit von der Lohnarbeit (These 8, ebd., 20ff),

und damit nicht zuletzt die Perspektive, dass der gesellschaftliche Reichtum der Commune angesichts dessen kaum der sein wird, den wir als privaten Reichtum im Kapitalismus kennen (These 6, ebd., 13).

(Ähnliche Perspektiven werden übrigens auch von Norbert Trenkle sehr gut auf-gezeigt (Trenkle 1996).

„Stellt man sich die Revolution … nicht als das blaue Wunder vor, als etwas, das die Proletarier im Eifer des Gefechts beinahe aus Versehen machen, spontan und ohne jedes vorab gefasste Ziel, und delegiert man die menschliche Emanzipation erst recht nicht an die Maschinen, dann“ – da stimme ich euch ebenfalls zu – ist eine Verständigung über die Grundzüge der klassenlosen Gesellschaft nicht nur sinnvoll, sondern erforderlich, da kaum eine „Bewegung entschlossen gegen das Bestehende aufbegehrt, ohne wenigstens eine vage Ahnung davon zu haben, was an seine Stelle treten könnte.“

Dass hierzu das Aufzeigen der Perspektiven und Potentiale hilfreich sein kann, ist sicherlich richtig aber, wie ihr selbst schreibt, nicht ausreichend:

„Über die gesellschaftlichen Formen, in denen das machbar wäre, ist damit noch wenig gesagt. Daran hängt aber alles: … Es geht um eine andere gesellschaftliche Vermittlung, eine, in der sich das Ganze nicht gegen die Einzelnen wendet, sondern deren bewusstes Werk ist.“ (Ebd., 16)

Die entscheidende Frage, die neben der Kritik des Kapitalismus als Grundlage für ein Aufbegehren einfach und für jeden verständlich beantwortet werden muss, ist daher: Wie können die Gesell-schaftsmitglieder auf der Grundlage vergesellschafteter Produktionsmittel ihren arbeitsteiligen Zusammenhang ohne eine ihnen übergeordnete Instanz selbständig nach dem Motto „Jedem nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seinen Fähigkeiten“ (Marx) leiten und verwalten?

Bei der Beantwortung dieser entscheidenden Frage macht ihr, meiner Ansicht nach, einen schweren Fehler: Ihr verwerft die ökonomische Grundlage, auf der die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten einfach und für alle durchsichtig in Produktion und Verteilung geregelt werden können, weil ihr die Arbeitszeitrechnung mit einem Tauschverhältnis verwechselt. Dem von Marx und Engels grob entworfenen Modell der Arbeitszeitrechnung haltet ihr zwar zunächst zugute –„Als bloße Fortsetzung der Lohnarbeit mit anderen Mitteln lässt sich das Modell nicht abtun: Das Privateigentum an Produktionsmitteln soll gesellschaftlicher Planung weichen, die Arbeitskraft keine Ware mehr sein, deren Verkauf zufällig und unter Bedingungen der Konkurrenz stattfindet.“ (Ebd., 3) –, um dann einen Absatz später ohne weitere Erläuterung zu behaupten:

„Der Äquivalententausch, im Kapitalismus letztlich eine Farce, wird sozialistisch wahrgemacht. … Prinzipiell ließe sich einwenden, dass dort, wo Äquivalententausch herrscht, von Kommunismus keine Rede sein kann.“ (Ebd., 4)

Wie passt das zusammen? Tausch setzt Eigentum an Produktionsmitteln und den damit produzierten Gütern voraus. Auf der Grundlage vergesellschafteter Produktionsmittel (im Unterschied zu verstaatlichten Produktionsmitteln) gibt es aber kein Eigentum an Produktionsmitteln mehr und weder die Produkte noch die Arbeitskraft sind Waren, die im Tausch zwischen Eigentümern vermittelt werden. Die individuelle Arbeit der Gesellschaftsmitglieder ist hier nicht mehr Privatarbeit, die erst über den Tausch ihre gesellschaftliche Vermittlung sucht, sondern bereits unmittelbar Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit, da sie als individuelle Arbeit bereits im Rahmen der gemeinschaftlichen Planung geleistet wird. Dementsprechend ist das individuelle Arbeitsprodukt auch kein Privateigentum mehr, sondern Produkt der Gesellschaft, das nicht als Ware zwischen verschiedenen Eigentümern verkauft (getauscht) wird, sondern innerhalb der Gemeinschaft der Produzenten zur Verfügung steht.

An dieser Bestimmung ändert sich auch über den Bezug auf die abstrakte Arbeit sowie die Zeit als ihr Maß im gesellschaftlichen Planungsprozess nichts. Die Reproduktion der Gesellschaft setzt schlicht voraus, dass die zur Befriedigung der Bedürfnisse notwendige Arbeit in gesellschaftlicher Arbeitsteilung planmäßig organisiert und umgesetzt wird. Planung des gesellschaftlichen Reproduktionszusammenhanges bedeutet aber nichts anderes, als die zur Bedürfnisbefriedigung erforderliche gesellschaftliche Arbeitszeit mit der Summe der zur Verfügung stehenden individuellen Arbeit zu verbinden. Das kann einer zentralen Planungsbehörde übertragen werden – soweit man dieser vertrauen will – oder den Individuen selbst überlassen werden. Letzteres ist aber nur möglich, wenn das Verhältnis von Arbeitsaufwand zu Ertrag für alle Gesellschaftsmitglieder systematisch aufgezeigt wird. Dann ist eine arbeitsteilige Produktionsplanung möglich, bei der die Menschen selbst entscheiden, was sie gemäß ihrer individuellen Abwägung von Aufwand und Ertrag haben möchten. Das heißt, es kann jeder selbst über seinen Beitrag zur gesellschaftlich erforderlichen Arbeitszeit und seinen Anteil am Produkt der gesellschaftlichen Arbeitsteilung bestimmen.

»Die Arbeitszeit,« wie Marx es ausdrückt, "würde also eine doppelte Rolle spielen. Ihre gesellschaftlich planmäßige Verteilung regelt die richtige Proportion der verschiedenen Arbeitsfunktionen zu den verschiedenen Bedürfnissen. Andererseits dient die Arbeitszeit zugleich als Maß des individuellen Anteils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuellen verzehr-baren Teil des Gemeinproduktes." (MEW 23, 93). In welcher Form hierbei die individuelle Arbeitszeit als das Maß für den individuell zu konsumierenden Teil des gesellschaftlichen Produkts zur Anwendung kommt, ist dann als bewusste Handlung der Gesellschaft eine konkrete Regelung in Bezug auf die Einsicht der Gesellschaftsmitglieder in die Notwendigkeiten ihres kooperativen Produktionszusammenhanges. Sie können es beispielsweise bei der Bereitstellung der Information über die Arbeitszeiten belassen und auf den vernünftigen Umgang hiermit setzen. Sie können eine individuelle Unterdeckung der Arbeitsbeteiligung im Verhältnis zum Konsum auch zum Anlass für Kritik nehmen oder den Zugang zu Konsumtionsmitteln in Relation zum individuellen Beitrag zur gesellschaftlichen Arbeit beschränken. Ob es nun aus individueller Einsicht in die Notwendigkeiten des arbeitsteiligen gesellschaftlichen Zusammenhanges geschieht oder über die Not gesellschaftlicher Rationierung, ist im Prinzip egal: Über die planmäßige Koppelung zwischen dem individuellen Beitrag zur gesellschaftlich erforderlichen Arbeitszeit und dem diesem entsprechenden Anteil am Gemeinschaftsprodukt, herrscht hier zwar über den Maßstab der abstrakten Arbeit dasselbe Prinzip, »das den Warenaustausch regelt, soweit er Austausch Gleichwertiger ist. Inhalt und Form sind verändert, weil unter den veränderten Umständen niemand etwas geben kann außer seiner Arbeit und weil andererseits nichts in das Eigentum der einzelnen übergehen kann außer individuellen Konsumtionsmitteln. (MEW 19, 20) "Ein gewaltiger Unterschied im Vergleich zum Begriff des „Äquivalenten-tausch“, den ihr (wahrscheinlich in Bezug auf Raoul Victor) über den falschen Bezug auf den Ausdruck „Austausch Gleichwertiger“ einfach beiseite schiebt. Die gemeinschaftliche Planung des Zusammenhang von gesellschaftlichem Produkt und gesellschaftlich notwendiger Arbeit oder anders ausgedrückt, die gesellschaftliche Vermittlung zwischen Bedürfnis und der zur Bedürfnisbefriedigung erforderlichen gesellschaftlichen Arbeit hat mit einem Äquivalententausch individueller Privateigentümer nichts zu tun. „Ein solcher Kommunismus wäre“ daher auch entgegen eurer Aus-sage etwas ganz anderes “als eine schlechte Imitation des kapitalistischen Marktes, auf dem sich das Gesetz der Arbeitszeit blind und regellos durchsetzt.“ (Weltcommune 2018, 5) Hier wären die Gesellschaftsmitglieder weder dem Wertgesetz blind unterworfen, noch seiner realsozialistischen bewussten und „gerechten“ Anwendung. Hier würden die Gesellschaftsmitglieder auf der Grundlage vergesellschafteter Produktionsmittel ihren arbeitsteiligen Zusammenhang ohne eine ihnen übergeordnete Instanz mit Hilfe der Arbeitszeitrechnung selbständig planen und verwalten. „Die Nutzeffekte der verschiedenen Gebrauchsgegenstände, abgewogen untereinander und gegenüber den zu ihrer Herstellung nötigen Arbeitsmengen, werden den Plan bestimmen. Die Leute machen alles sehr einfach ab, ohne Dazwischenkunft des vielberühmten „Werts“.“ (MEW 20, 288)

Es ist ein Missverständnis, abstrakte Arbeit und die Zeit als ihr Maß mit Wertproduktion gleichzusetzen. In einem Produktionsverhältnis, das durch Privateigentum und Warentausch bestimmt ist, ist die abstrakte Arbeit zwar die Substanz des Werts, die abstrakte Arbeit begründet aber nicht das Produktionsverhältnis. Ähnlich wie bei den Maschinenstürmern, die angesichts der Folgen der kapitalistischen Anwendung der Maschine die Maschinen zerstören wollten, ist es daher ein Fehler, die Abstraktion von konkreten Arbeitsschritten und ihre zeitliche Zusammenfassung als Mittel der Produktionsplanung zu verwerfen.

Aber diese Verwechselung der Arbeitszeitrechnung mit einem Tauschverhältnis ist zumindest in eurem Artikel nicht das Hauptargument gegen die Nutzung der Arbeitszeitrechnung. Mit dem Verweis auf den Beitrag von Raoul Victor, »The Economy in the Transition to a Communist Society« (Victor 2016) behauptet ihr im Folgenden vielmehr, die Arbeitszeitrechnung erweise sich „auf dem Niveau einer arbeitsteilig-hochtechnisierten gesellschaftlichen Produktion als Ding der Unmöglichkeit.“ (Weltcommune 2018, 4)

Wäre das so, dann müsste die Ökonomie im Kapitalismus wie auch im Kommunismus im Chaos versinken. Ohne den Tauschwert – der sich im Kapitalismus auf der Grundlage des Privateigentums in der Konkurrenz auf dem Markt hinter dem Rücken der Menschen bezogen auf die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit herausbildet – und ohne die Arbeitszeit als direktes und bewusstes Maß einer gemeinschaftlichen Produktionsplanung ließe sich weder im Kapitalismus noch im Kommunismus rationell aufwandsbezogen entscheiden, welche der Vielzahl möglicher Substitute und Produktionsverfahren vorteilhaft wären. Der Kapitalismus beweist mit seiner tauschwertbezogenen Arbeitszeitrechnung für sich täglich das Gegenteil der behaupteten Unmöglichkeit. Wäre mit der Abschaffung der Geldrechnung die Arbeitszeitrechnung auf dem Niveau einer arbeitsteilig-hochtechnisierten sozialistischen Produktion ein Ding der Unmöglichkeit, dann hätte Ludwig von Mises recht: Der Sozialismus wäre dann die Aufhebung der Rationalität der Wirtschaft.

Die Vorstellung, die Planung einer arbeitsteilig-hochtechnisierten gesellschaftlichen Produktion ließe sich allein über die Bedürfnisse und die physische Beschaffenheit der Gebrauchsgegenstände planen, halte ich für einen Fehlschluss: Raoul Victor abstrahiert schlicht von der in der gesamten Produkt- und Produktionskette enthaltenen menschlichen Arbeit, wenn er behauptet: “The measure of human needs, on the one hand, and of the actual possibilities of production, on the other, in physical terms (e.g., the quantity of gallons of milk per child, on the one hand, and the number of dairy cows on the other), are far more simple to make than any assessments based on average social labor time.” (Victor 2016) Wer versorgt denn die Kühe, welches Melkverfahren ist weniger aufwendig, wie soll über verschiedene Transport- oder Verpackungsverfahren entschieden werden?

Wenn ihr schreibt: „Natürlich bedarf die planvolle Produktion in der Commune grober Vorstellungen darüber, wieviel Arbeitsaufwand etwas erfordert" (Weltcommune 2018, 4), ist euch offensichtlich bewusst, dass we-der die Milchproduktion noch irgendeine andere Produktion sich allein über den von Raoul vor-gestellten simplen Dreisatz rational planen lässt. Zwei Zeilen weiter schreibt ihr dann aber: „Die Koppelung von individueller Konsumtion an geleistete Arbeitsstunden unterstellt aber darüber hinaus die Möglichkeit, exakt zu beziffern, wieviel Arbeitszeit in jedem einzelnen Produkt steckt.“ (Ebd.) Wie kommt ihr hier auf den Übergang von grob zu exakt? Produktion und Konsumtion sind doch zwei Seiten einer Medaille? Warum soll auf der Konsumseite der grobe Maßstab nicht ebenso völlig ausreichend sein? Damit wäre aber die von euch behauptete Unmöglichkeit widerlegt.

In eurer weiteren Argumentation lasst ihr dann im Widerspruch zu eurer Aussage bezogen auf „die planvolle Produktion in der Commune“ selbst die falsche Unterscheidung – grob möglich, exakt unmöglich – fallen, sondern behauptet plötzlich: „Je mehr zudem allgemeine Voraussetzungen wie etwa Transportmittel in ein Produkt einfließen, umso schwieriger wird das Unterfangen. Spätestens mit Einbezug der zunehmenden Verwissenschaftlichung der Produktion scheint es schlicht aussichtslos zu werden.“ (Ebd., 4f) Der Einwand, die Arbeitszeiten ließen sich nicht oder wenn dann nur mit einem irrwitzigem Aufwand den Millionen von Produkten und Dienstleistungen zurechnen, wird durch die kapitalistische Kostenträgerrechnung widerlegt. Die Ermittlung der produktbezogenen Herstellungskosten als Summe direkter und indirekter Material- und Fertigungskosten ist hier mit Verfahren der Gemeinkostenzurechnung sowie der Erfassung und Verrechnung von anteiligen Abschreibungen tägliche Praxis. Warum sollten sich ähnliche Verfahren nicht genauso auf die Arbeitszeitrechnung anwenden lassen?

Für den Fall, dass die Anwendung der Arbeitszeitrechnung doch kein Ding der Unmöglichkeit ist, habt ihr noch weitere Argumente, warum sie für eine kommunistische Gesellschaft nicht taugt:

„Auch wenn »Arbeitszeitkonten« nicht dasselbe sind wie das Lohnsystem, stünde im Hintergrund weiter der Zwang.“ (Ebd., 5)

Dagegen ließe sich einwenden: Den Gegensatz zwischen Bedürfnis und notwendiger Arbeit erzeugen nicht die Arbeitszertifikate, sondern die Natur selbst. Das Reich der Freiheit beginnt erst da, wo die Notwendigkeit der Arbeit aufhört. Durch die systematische Offenlegung des Zusammenhanges zwischen Bedürfnis und notwendiger Arbeit erzeugt die Gesellschaft keinen Gegensatz. Im Gegenteil: Den Gesellschaftsmitgliedern den Zusammenhang von Aufwand zu Ertrag anhand der Arbeitszeitrechnung offenzulegen, ebenso wie ihren persönlichen Anteil an Arbeit und Konsum, darauf wird eine Gesellschaft nicht verzichten können, wenn ihre Gesellschaftsmitglieder selbst nach ihren Bedürfnissen über Arbeit und Konsum bestimmen wollen. Der »Verein freier Menschen« würde seinem Namen nicht gerecht, würde er die materielle Grundlage ignorieren, die ihn in die Lage versetzt, Produktion und Distribution selbst leiten und verwalten zu können. Verteilung ohne ökonomisches Maß bedeutet nicht »Nehmen nach Bedarf«, sondern Zuteilung durch eine übergeordnete Instanz.

„Der von der bürgerlichen Gesellschaft geerbte Sozialcharakter, der dabei unterstellt wird, müsste zudem zu allerhand Schummeleien bei der Arbeitszeitrechnung neigen, was die Notwendigkeit sozialer Kontrolle zur Folge hätte.“ (Ebd.)

Nun ja. Das mag schon sein, die Arbeitszeitrechnung ist je nach Handhabung eine Form der Kontrolle: stufenweise von der Selbstkontrolle bis zur gesellschaftlichen Kontrolle. Aber wäre es angesichts des „geerbten Sozialcharakters“ realistisch einen aufwandsbezuglosen Zugang zu den produzierten Gütern zu gewähren? Ich denke es kommt schon auf den Inhalt der Kontrolle an. Es wäre, wie Friedrich Engels einmal schrieb, an dieser Stelle "absurd, vom Prinzip der Autorität als einem absolut schlechten und vom Prinzip der Autonomie als einem absolut guten Prinzip zu reden." (MEW 18, 307)

„Das Modell setzt außerdem eine scharfe Trennung zwischen Arbeit und Nichtarbeit voraus, die nicht nur wenig attraktiv erscheint, sondern wiederum eine administrative Regelung dessen erfordern würde, was sich heute blind durchsetzt.“ (Weltcommune 2018, 5)

Ja, auf eine Trennung zwischen „privater Arbeit“ – ich trage meinen Müll runter, ich koche für meine Freunde, organisiere mit der Nachbarschaft ein Straßenfest etc. – und gesellschaftlicher Ar-beitsteilung – bei der Millionen von Menschen, die sich nicht persönlich kennen, einen arbeitsteiligen Produktionszusammenhang bilden – wird sich die Gesellschaft schon einigen müssen. Dazu muss die Arbeit, die den verschiedenen Zweigen der Produktion zugeführt werden soll, zuvor als „gesellschaftliche Arbeit“ registriert werden. Auf administrative Regelungen wird man auch in einer kommunistischen Gesellschaft kaum verzichten können, um die gesellschaftliche Produktion plan-mäßig organisieren zu können.

Die Ausgangsfrage, die in Hinblick auf die „Weltcommune“ überzeugend beantwortet werden muss, lautet, wie oben bereits ausgeführt:

    Wie können die Gesellschaftsmitglieder auf der Grundlage vergesellschafteter Produktionsmittel ihren arbeitsteiligen Zusammenhang ohne eine ihnen übergeordnete Instanz selbständig nach dem Motto „Jedem nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seinen Fähigkeiten“ leiten und verwalten?

    Indem ihr in eurer Antwort die Arbeitszeitrechnung als ökonomische Grundlage der selbständigen Leitung von Produktionsprozessen verwerft, entzieht ihr eurer „Weltcommune“ den materiellen Boden und verweist sie stattdessen auf eine idealistische Utopie.

    „die notwendige Bewusstseinsveränderung hin zum »Verein freier Menschen« und zum »gesellschaftlichen Individuum«“ (Weltcommune 2018, 11)

    soll sich nicht auf der Grundlage eines funktionierenden kommunistischen Produktionsverhältnisses herausbilden, sondern umgekehrt dieses erst ermöglichen.

    „Von dieser Bewusstseinsveränderung allerdings dürfte der Erfolg der kommunistischen Revolution letztlich abhängen.“, heißt es bei euch weiter (ebd.).

    Dass auf dieser „Grundlage“ auch die Räteorganisation schwimmt, wisst ihr selbst:

    „Dass alle über alles entscheiden, scheint im schlechten Sinne utopisch. Mit solchen Grenzen müsste bewusst umgegangen werden, um zu verhindern, dass sich erneut eine von Spezialisten bevölkerte politische Sphäre verselbständigt.“ (Ebd. 19)

    Aber wie soll mit dieser Situation „bewußt umgegangen werden“. Wenn die Räte selbst keine klaren Vorstellungen haben, wie, d.h. auf welcher ökonomischen Grundlage sich die Gesellschaft organisieren lässt, dann wird die ganze Sache zum unkalkulierbaren Abenteuer.

    „Vorstellbar ist der Übergang in die Commune daher nur als wilde Bewegung der Besetzungen, … Entscheidend wäre, das Eroberte sofort zur Ausweitung der Bewegung zu nutzen, ohne die alles wieder in sich zusammenfallen würde. Güter müssten einfach verteilt werden … " (Ebd., 23)

    Aber so einfach ist das natürlich nicht, wie ihr selbst wisst:

    „Die kaum zu überschätzende Herausforderung besteht jedoch darin, über Beschlagnahmung und Verteilung von Gütern hinaus die Produktion auf neuer Grundlage wieder in Gang zu setzen.“ (Ebd., 24)

    „Zwischen dem Ist-Zustand und der möglichen Commune tut sich ein riesiger Abgrund auf und der hier skizzierte Sprung über diesen Abgrund hat unbestreitbar gewisse abenteuerliche Züge.“ (Ebd.)

    „Das Falsche der beiden Extrempositionen zu zeigen fällt nicht schwer … die Ausarbeitung eines Gegenentwurfs, der nicht spinnert-weltfremd erscheint, umso schwerer.“ (Ebd., 25)

    Um diese von euch selbst befürchtete Weltfremdheit zu vermeiden, scheint mir – und da stimmen wir wieder überein – „eine Verständigung über die Grundzüge der klassenlosen Gesellschaft alle-mal sinnvoll.“ (Ebd., 1) „Je mehr sich die Lohnabhängigen darüber international verständigen, je klarer sich das ganz Andere vor ihren Augen abzeichnet, desto besser die Chancen, dass doch noch eine umwälzende Bewegung zustande kommt.“ (Ebd., 25)

     

    Nachweise

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