Mitten im Spülbecken: Kapitalismus und Zweigeschlechtlichkeit

29. Jan 2016

Euren Text „Abseits des Spülbeckens“ im aktuellen Kosmoprolet finden wir an einigen Stellen ärgerlich und die allgemeine Stoßrichtung aus klassenperspektivischer und feministischer Sicht problematisch. Schon der Titel legt nahe, man könne über Feminismus und Kapitalismus sprechen und dabei die Reproduktionssphäre außer Acht lassen. Eure These, dass sich die Geschlechterdifferenz im Kapitalismus nivelliere, lässt sich unserer Ansicht nach nicht mit der lapidaren Behauptung stützen, es gebe keinen logisch notwendigen Zusammenhang von Geschlechterdifferenz und Kapitalismus, und auch nicht durch den Verweis auf einige Verbesserungen auf kultureller, juristischer und ökonomischer Ebene. Wir gehen nicht von einer eindeutig progressiven Veränderung der Geschlechterordnung aus, sondern sind der Meinung, dass der Prozess sehr widersprüchlich verläuft.

Der Kapitalismus findet bei seiner Entstehung eine historisch gegebene Geschlechterspaltung vor. Es kommt zu einer Zerrüttung der traditionellen Geschlechterrollen im Zuge der Industrialisierung, und die Geschlechterdifferenz wird in einer spezifisch kapitalistischen Weise neu etabliert. Es gibt dabei Momente formaler Gleichstellung, die reale Ungleichheit aber wird damit bestenfalls verschleiert – so wie die formale Gleichstellung der Lohnarbeiter als juristische Personen (als Besitzer einer Ware, der Arbeitskraft) den Zwang zur Arbeit als Freiheit erscheinen lässt und damit legitimiert. Eine Schwäche eures Textes ist unserer Ansicht nach, dass ihr den Zusammenhang zwischen Kapital- und Geschlechterverhältnis aus Sicht des Kapitals beleuchtet. Wie die Geschlechterspaltung innerhalb der Arbeiterklasse wirkt und produziert wird und zu ihrer Schwächung im Kampf gegen das Kapital führt, blendet ihr dabei aus. Ihr erwähnt zwar das Dilemma u.a. von Clara Zetkin, dass ein „gleicher Zugang von Frauen zu Bildung und Erwerbsarbeit auch eine verschärfte Konkurrenz bedeutet“ (S. 16)1, ihr vernachlässigt jedoch, wie sich das Distinktionsbestreben der männlichen Lohnarbeiter auf den gemeinsamen Klassenkampf auswirkt.

Der Kapitalismus produziert zwar eine abstrakte Gleichheit, da es für das Kapital unerheblich ist, wem es Mehrwert abpresst. Das sollte aber nicht mit einer tatsächlichen Gleichheit der Arbeiter verwechselt werden. „Proletarier haben immer dann rebelliert“, führt Giovanni Arrighi dazu aus, „wenn sie mit der Tendenz des Kapitals konfrontiert waren, die Arbeiter als unterschiedslose Masse zu behandeln, ohne jede Individualität außer der unterschiedlichen Fähigkeit, den Wert des Kapitals zu erhöhen. Fast immer haben sie irgendeine Kombination besonderer Merkmale aufgegriffen oder neu geschaffen (Alter, Geschlecht, Hautfarbe und allerlei geographische Besonderheiten), mit der sie das Kapital dazu bringen konnten, sie in einer besonderen Weise zu behandeln. Infolgedessen waren Patriarchalismus, Rassismus und nationaler Chauvinismus wesentliche Momente in der Herausbildung der weltweiten Arbeiterbewegung (…) und leben in dieser oder jener Form in den meisten proletarischen Ideologien und Organisationen weiter.“2 Seit Beginn kapitalistischer Vergesellschaftung stecken Lohnarbeiter ihre Grenzen ab, um sich auf dem Arbeitsmarkt durchzusetzen und die eigene Stellung im Verwertungsprozess zu behaupten. Von der Geschlechterdifferenz profitieren männliche Lohnarbeiter nicht nur, indem sie sich der weiblichen Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt entledigen, sondern auch der lästigen Reproduktionsarbeit.

Dem Kapital wird „billige weibliche Lohnarbeit zur Verfügung“ gestellt (S. 14). „Die Bedingung des Kapitals ist die Lohnarbeit. Die Lohnarbeit beruht ausschließlich auf der Konkurrenz der Arbeiter unter sich“, so schreiben Marx und Engels zugespitzt im Kommunistischen Manifest.3 Diese Konkurrenz nimmt in der Geschichte des Kapitalismus alle möglichen Formen an, die sich überlagern, verbinden und durchkreuzen. Die konkreten historischen Zusammensetzungen und Überlagerungen der verschiedenen Konkurrenzverhältnisse entwickeln und verschieben sich in der Dynamik und den Verlaufsformen des Verhältnisses von Arbeiterklasse und Kapital. Das Kapital ist überhaupt nur als Verhältnis angemessen zu begreifen und zu kritisieren. Eure mitunter ökonomistische Herangehensweise ist dabei wenig hilfreich, werden dabei doch soziale Aushandlungsprozesse zwischen Arbeiterklasse und Kapital und auch innerhalb der Arbeiterklasse vernachlässigt. Nichtsdestotrotz finden wir viele eurer Ausführungen richtig. Nur zieht ihr daraus andere oder mitunter keine Schlussfolgerungen. Tatsächlich sehen auch wir auf der juristischen und kulturellen Ebene eine zunehmende Gleichstellung der Frauen. Sie haben sich endlich das Wahlrecht erkämpft und unterstehen im rechtlichen Sinne nicht mehr ihren Vätern oder Ehemännern, z.B. bei der Arbeitserlaubnis und der Wahl des Wohnortes. Der gesellschaftliche Status unverheirateter Frauen und Mütter ist lange nicht mehr so besorgniserregend wie früher, die klassische Kleinfamilie löst sich auf, und auch Frauen dürfen sich heutzutage an abenteuerlichen sexuellen Praktiken erfreuen. Diese Tendenz ist eindeutig positiv.

In eurer Einschätzung der aktuellen Situation geht ihr aber noch einen Schritt weiter und schreibt gleich im zweiten Absatz, das Geschlecht sei in den Bereich menschlicher Gestaltbarkeit gerückt (S. 11/12). Was genau ist damit gemeint? Auch wenn man bestimmte Entwicklungen als erfreuliche Aufweichungen der scharf polarisierten Geschlechtercharaktere interpretieren möchte, haben wir es immer noch mit einem dichotomischen Verhältnis zu tun. Klar: Frauen dürfen heutzutage Hosen tragen (was tatsächlich nicht selbstverständlich ist), dürfen legal andere Frauen ficken, eine Ausbildung zur Mechatronikerin machen, Minister werden und als Drag King den Partylöwen spielen. Auch wird heute mehr denn je darüber diskutiert, was Mann und was Frau ist (S. 11). Aber daran hat sich nichts geändert: Du bist weiterhin entweder ein Mann oder eine Frau. In Deutschland muss ein Arzt gleich nach der Geburt ein eindeutiges Geschlecht in die Papiere eintragen, und selbst in Argentinien muss man sich bei der Passausstellung für eins der zwei Geschlechter entscheiden. Und wenn auch am Kneipentisch, in linksradikalen WGs und manchmal im Feuilleton die Grenzziehung zwischen den Geschlechtern diskutiert und im besten Falle sogar hinterfragt wird, heißt das noch lange nicht, dass ich morgens aufstehen und entscheiden kann, mit welchem Geschlecht ich für diesen Tag unter die Leute gehen möchte – und ob mit überhaupt einem. An der eindeutigen identitären Zuschreibung, entweder Mann oder Frau zu sein, ändern all die Neuerungen nichts. Und schaut man sich die oben genannten Errungenschaften noch einmal an, wird deutlich, dass es nur deshalb Errungenschaften sind, weil eben eine Frau als Frau Minister wird und ein Drag King immer noch eine Frau ist. Natürlich verändern sich die Geschlechtercharaktere – das taten sie schon immer im Laufe der Geschichte – aber gestaltbar sind sie deshalb noch lange nicht. Ich kann nur entweder Mann oder Frau sein – und wenn das erst mal feststeht (Damenbart-Partys hin oder her), muss ich mich weiterhin zu all den Zuschreibungen verhalten, die derzeit mit der Geschlechtsidentität einhergehen: Immer noch muss die Frau ihre Attraktivität vor allem im Kosmetischen zur Schau stellen, soziale Kompetenz zeigen und sich erklären, wie sie es denn trotz allem geschafft hat, Karriere zu machen. Frauen, die zu viel saufen, fluchen und auch noch motorisierte Fahrzeuge besser als Männer navigieren können, kann es schnell passieren, dass ihnen kurzerhand ihre Weiblichkeit aberkannt wird – und damit auch ihre sexuelle Attraktivität, die in unserer Gesellschaft an eine eindeutige Weiblich- oder Männlichkeit gekoppelt ist. Der Mann entgeht dieser Zuschreibung natürlich ebenso wenig, muss er doch finanziell unabhängig, in sozialen Belangen extrovertiert und durchsetzungsfähig sein und sich erklären, wenn er es denn trotz allem nicht geschafft hat, Karriere zu machen.

Nicht nur Intersexuelle, sondern auch Frauen können ein Lied davon singen, wie beschissen es ist, wenn die meisten ihrer Handlungen und Verhaltensweisen auf der Folie ihrer Geschlechtsidentität beurteilt werden. Man kann diese Folien gelegentlich unterlaufen, aber nie ignorieren oder zum Verschwinden bringen. So gilt beispielsweise eine Frau in einer höheren Position immer noch nicht nur als durchsetzungsfähig, sondern auch als machtbesessen. Männer werden mit solchen Zuschreibungen – zumal jenseits unserer kleinen, immer noch von der Politisierung des Privaten beeinflussten Szene – selten konfrontiert, gilt doch ihr Geschlecht als das universelle, nicht markierte. Ihre Verhaltensweisen werden mit dem anderer Menschen und nicht dem ihrer Geschlechtsgenossen verglichen. Männer sind halt Menschen, Frauen sind vor allem Frauen. Mitunter mag zwar mal ein Kindergärtner darauf angesprochen werden, wie er diese Arbeit gerade als Mann erledigt (was auch darauf hindeutet, dass sie immer noch Frauensache ist). Aber das sind Ausnahmen. In aller Regel ist der Mann der Normalfall, dessen Geschlecht bei seinem Beruf nicht interessiert. Ein Minister, ein Versicherungsvertreter, ein Bauleiter muss nie erklären, wie er seinen Job als Mann ausübt, einer Ministerin, eine Versicherungsvertreterin, eine Bauleiterin hingegen ist fast ständig „als Frau“ auf Arbeit.

Die Unterscheidung in zwei Geschlechter ist eben nicht analog zu der in blau- und braunäugige Menschen, sondern dermaßen übersättigt mit einer Fülle an sozial relevanten Konnotationen, dass man gerade nicht von einer Nivellierung dieser Differenz, sondern höchstens von einer Entspannung des Herrschaftsverhältnisses sprechen kann. Aber vielleicht habt ihr ja auch nur das gemeint. Und seien wir nicht kleinlich: Das wäre schon großartig!

Eure These, die Geschlechterdifferenz stünde in keinem logisch-notwendigen Zusammenhang mit dem Kapitalverhältnis, lässt uns glauben, dass wir immerhin ein Problem schon während des Wartens auf die Weltrevolution lösen können, da „der Kapitalismus auf eine rigide Geschlechterordnung prinzipiell verzichten kann“ (S. 28). Jedenfalls vertretet ihr die Ansicht, dieser logisch-notwendige Zusammenhang sei bisher nicht plausibel dargelegt worden. Ihr bezieht euch dabei vor allem auf Roswitha Scholz, die nach eurer Lesart eine Gleichursprünglichkeit von Kapitalismus und Frauenunterdrückung behauptet (S. 12). Diese Aussage wäre natürlich von vornherein Unsinn, impliziert sie doch, es könne keine Frauenunterdrückung ohne Kapitalismus geben. Damit müsste man entweder behaupten, der Kapitalismus hätte schon gleich nach der Vertreibung aus dem Paradies Einzug gehalten, oder dass es damals keine Frauenunterdrückung gegeben hätte.4 Aber aus der Tatsache, dass Scholz keinen – sagen wir mal bescheidener – konstitutiven Zusammenhang zwischen Kapital- und Geschlechterverhältnis darlegen konnte, folgt noch lange nicht, dass es keinen gibt. Wir kennen jedenfalls nur ein historisch spezifisches Kapitalverhältnis, und das ging bisher immer mit einer ebenso spezifischen Geschlechterdifferenz einher. Das sollte Anlass genug sein, die Verzahnungen dieser Verhältnisse genauer zu untersuchen, statt sich auf die Gleichstellungstendenzen innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaft zu fokussieren.

Ihr beschreibt selbst ein wenig schematisch: „Der Kapitalismus trifft in den Gesellschaften, in denen er aufkommt, auf ein historisch gewachsenes Umfeld, zu dem auch die Geschlechterordnung gehört. Diese wird dann unter kapitalistischen Bedingungen umgeformt.“ (S. 14) So ist es denn vermutlich keine allzu steile These anzunehmen, die Herausbildung des uns bekannten Kapitalismus war genauso auf eine auf eine spezielle Geschlechterdifferenzierung angewiesen wie auf eine Industrialisierung. Zum einen ist jede gewaltsame Umwälzung – wie es die Herausbildung des Kapitalismus war – auf Spaltungen der Beherrschten angewiesen. Zum anderen ist erst mit einer voranschreitenden Industrialisierung überhaupt eine den Frauen zugewiesene Reproduktionssphäre entstanden. Im ruralen, feudalen Europa hat es natürlich schon die gleichen zum Überleben notwendigen Tätigkeiten gegeben, die vielleicht ebenfalls größtenteils von Frauen übernommen wurden (Kochen, Waschen, Kinder hüten, Alte pflegen), aber eine Trennung in Reproduktion und Produktion ergab keinen Sinn, da nicht bestimmte Tätigkeiten entlohnt wurden und andere nicht.

Und um einen konstitutiven Zusammenhang zwischen Kapital- und Geschlechterverhältnis zu postulieren, brauchen wir nicht unbedingt eine Gleichursprünglichkeit anzunehmen. Es würde ausreichen, darzulegen, dass der uns bekannte Kapitalismus sich durchsetzen konnte, weil er nicht nur mit einer Revolutionierung der industriellen Produktivkräfte, sondern auch mit einer Revolutionierung der Reproduktionsarbeit einherging, die die Reproduktionssphäre den Frauen zuordnete. So wie der Kapitalismus einer proletarischen Klasse bedurfte, die Mehrwert schafft, nutzte er auch eine Unterscheidung in Männer und Frauen, um letzteren die Reproduktionsarbeit aufzubürden und die proletarische Klasse zu erhalten. Merkwürdig, dass ihr in der Erwähnung der geschlechtsspezifischen Sphärentrennung (S. 13) den Gegensatz von produktiv (männlich) und reproduktiv (weiblich) nicht aufgenommen habt.

Eurer Aussage, dass Reproduktionsarbeit nicht produktiv ist, stimmen wir uneingeschränkt zu. Doch macht ihr selbst an vielen Stellen deutlich, dass für den Kapitalismus auch unproduktive Arbeit vonnöten ist (ihr erliegt also nicht dem Missverständnis, dass produktiv = wichtig und unproduktiv = unwichtig sei) (S. 22). Leider beendet ihr diesen unseres Erachtens wichtigen Punkt im antikapitalistischem Feminismus ein wenig vorschnell mit der Aussage: „Auch die Deutung, dass der Kapitalist, der den Ehemann beschäftigt, der Hausfrau Mehrwert abpresst, weil sie die Reproduktionskosten senkt, ist fragwürdig. Der Kapitalist kauft die Arbeitskraft des Ehemannes zu ihrem Wert ein. Wie dieser Wert genau zustande kommt, ist für diese Transaktion zunächst unerheblich. Seinen Lohn kann der Arbeiter prinzipiell ausgeben, wofür er möchte. Er kann die Dienste einer Hausfrau erwerben oder ein Junggesellendasein führen.“ (S. 23) Marx verdeutlicht im Kapital, dass es niemals auf die Reproduktionskosten des einzelnen Arbeiters ankommt, sondern immer auf die gesellschaftlich durchschnittlichen Reproduktionskosten. Und natürlich mag es Männer geben, die ihre Arbeit verrichten können, ohne dass ihnen Frauen die Stullen schmieren, aber das sind nach wie vor seltene Ausnahmen. In vielen Fällen wird das Geschufte erst dadurch ermöglicht, dass jemand einem den Rücken freihält. Frauen, die selbst arbeiten, ihre eigenen Reproduktionskosten erwirtschaften und die Reproduktionsarbeit für andere zusätzlich übernehmen, senken jedenfalls die Reproduktionskosten, schließlich muss der Arbeiter von seinem Lohn weder die Ehefrau unterhalten noch eine Putzfrau bezahlen.

Wird im Sozialstaat gekürzt, sind es Frauen, die in überwiegender Zahl ganz selbstverständlich einspringen, um die Folgen abzufedern. Denn gerade in einer Krise versucht das Kapital, die Kosten für die Arbeitskraft zu senken und zum Beispiel Reproduktionskosten wie Kinderbetreuung, Altenpflege, preiswerte Verköstigung in subventionierten Kantinen auszulagern. Wie ihr selbst bemerkt (S. 20), wirkt das Kapital dabei darauf hin, dass nicht mehr der Staat (und damit indirekt zum erheblichen Teil das Kapital) diese Reproduktionskosten übernimmt, sondern dass die Arbeiterschaft diese Tätigkeiten selbst erledigt – selbstverständlich ohne Lohnsteigerung. Entscheidend ist also nicht, dass sowohl Männer als auch Frauen in Krisensituationen ökonomische Verschlechterungen hinnehmen müssen, sondern auf welche völlig unterschiedliche Weise sie jeweils betroffen sind (Männer bei der Kurzarbeit und Frauen, weil sie im Falle von Leistungskürzungen die Aufgabe haben, ein Sicherheitsnetz zu stricken).

Und da die weibliche Arbeitskraft in einer zweigeschlechtlichen Gesellschaft, in der die potentielle Gebärfähigkeit diese Differenz immer wieder neu etabliert, weniger wert ist als die männliche, bleiben die Frauen am Spülbecken.5 Denn dass diese Aufgabe den Frauen zufällt, ist keineswegs zufällig, sind sie doch auch für die Reproduktion der Arbeiterklasse im ganz wörtlichen Sinne, also für Geburten, zuständig. Vielleicht ist es das, was Scholz im Sinne hat, wenn sie behauptet, „dass die geschlechtsspezifische Zuweisung von Individuen zu den beiden Sphären, einmal historisch vollzogen, innerhalb des Kapitalverhältnisses nicht mehr rückgängig zu machen sei.“ (S. 13) Damit soll nun keineswegs einem biologistischen Essentialismus das Wort geredet werden. Es wäre irreführend anzunehmen, dass der Grund für die gesellschaftliche Verteilung der Reproduktionsarbeit in der Gebärfähigkeit der Frauen liegt. Wir behaupten, dass in unserer Gesellschaft die Reproduktion ebenso wie die Produktion einer kapitalistischen Logik unterworfen ist, so dass überhaupt erst eine geschlechtliche Unterscheidung – nicht nur entlang biologischer Unterschiede – immer wieder etabliert werden muss, um die Reproduktion zu sichern. Und damit sollte auch klar sein, dass es sich bei dieser Unterscheidung nicht um eine graduelle handelt, die sich graduell nivellieren könnte. Denn selbst eine erfreuliche Verbesserung in der Gleichstellung bleibt immer prekär. Ziel kann nur eine Revolutionierung der Produktions- und Reproduktionsbedingungen sein, also nichts weniger als eine Aufhebung der Zweigeschlechtlichkeit. Der Unterschied zwischen Menschen mit Schwanz und Menschen mit Möse wäre dann nicht bedeutender als der zwischen Blau- und Braunäugigen.

Es gibt zur Zeit in der Geschlechterdifferenz deutliche Angleichungen im Sozialen und Kulturellen: saufende Frauen, weinende Männer, Frauen-Fußball im ZDF. All das steht jedoch im skandalösen Gegensatz zur statistisch lächerlichen Angleichung in der Aufgabenverteilung in der Reproduktionssphäre. Und es ist nach wie vor genau diese Einordnung der Frauen in die Reproduktionssphäre, die wir scheiße finden.

Auch das wiederentdeckte Interesse des Kapitals an weiblicher Lohnarbeit und das flankierende Einschreiten des Staates ändert an dieser Verteilung erschreckend wenig. Anstatt zu behaupten, es gebe eine langfristige Tendenz zur Gleichstellung, halten wir die Frage für fruchtbarer, warum diese Gleichstellung immer noch nicht erreicht ist und dahingehende Veränderungen nur sehr zäh oder gar nicht vonstatten gehen. Wir unterstellen, dass nicht nur das Kapital an dieser vollständigen Gleichstellung kein Interesse hat, sondern – wie anfangs angeführt – auch die Arbeiterklasse dieser Emanzipation seit Beginn des Kapitalismus immer wieder entgegengewirkt hat. So schreibt ihr selbst, dass auch innerhalb der Arbeiterbewegung die Idealvorstellung der nicht-arbeitenden Frau vorherrschte (S. 15). Dem entspricht die Forderung, Frauen aus der Fabrikarbeit auszuschließen, was schon ganz zu Beginn der modernen Arbeiterbewegung Mitte des 19. Jahrhunderts eine durchgängige Forderung in sämtlichen Arbeitervereinen und ersten Gewerkschaften war und in vielen Bereichen wie z.B. dem Bergbau schließlich auch durchgesetzt wurde.

Ihr sagt selbst, dass Geschlechterrollen besonders hartnäckig sind, wenn Kinder im Spiel sind. Leider findet die ebenfalls von euch angeführte Ausarbeitung von Lily Lent und Andrea Trumann6 (S. 17) in eurem Text zu wenig Beachtung. Ihr erwähnt zwar den fehlenden Drang der Männer in Richtung Herd und Wickeltisch und die überproportionale Präsenz von Frauen im Niedriglohnsektor (Frauen stellen alleine zwei Drittel der Minijobber.7). Allerdings scheint euch die gesellschaftliche und ökonomische Tragweite dieser Tatsachen nicht ausreichend bewusst zu sein.

Wie Lent und Trumann ausführen, führt eine steigende Frauenerwerbsquote nicht zwangsläufig zu einem besseren Leben für Frauen mit gesteigertem materiellen Reichtum und mehr Freiheiten. Eine Tatsache, die ihr zwar auch nennt, die allerdings in eurer Hauptthese keine ausreichende Berücksichtigung findet. Euer Beispiel, dass auch klassisch männliche Berufe heutzutage von Frauen ergriffen werden können (allerdings verhältnismäßig wenig auch tatsächlich ergriffen werden) und somit von massiven Verschiebungen in der wirtschaftlichen Sphäre gesprochen werden kann, erscheint uns als deutlich weniger relevant als die nach wie vor bestehenden massiven Ungleichgewichte in puncto materieller Absicherung und Überlastung angesichts der hauptsächlich von Frauen zu erledigenden Sorgearbeit für Kinder und alte Menschen. Bei letzterem kann trotz der Zunahme Kinderwagen schiebender Männer und eines sich als Feminist gebärdenden Staates8 mitnichten von massiven Verschiebungen gesprochen werden.

Ihr schreibt zwar in eurem Text gleich eingangs, dass euch die Entwicklung in Deutschland als empirische Folie dienen soll (S. 11), sämtliche Daten, die wir mit wenig Zeitaufwand recherchieren konnten, konterkarieren jedoch eure Behauptungen. Entsprechend teilen wir euren Optimismus über die Lage der arbeitenden Frauen nicht, sondern finden stattdessen unseren Pessimismus bestätigt. Die meisten von uns angegebenen Zahlen stammen von Wirtschafts- und Bundesinstitutionen oder Presseerzeugnissen, die man wohl kaum des Radikalfeminismus verdächtigen kann. Wir beschränken uns auf die derzeitige Situation in Deutschland.

Die Anzahl alleinerziehender Haushalte ist weiterhin steigend. Wie der Süddeutschen Zeitung vom 28.8.2015 zu entnehmen ist, ist dieser Elternteil zu 90 % eine Mutter, was einer Zahl von ungefähr 1,44 Mio. Frauen entspricht. Bezeichnenderweise ist alleinerziehend zu sein in Deutschland das größte Armutsrisiko. Zumindest ökonomisch gesehen hilft eine gesellschaftliche Akzeptanz dieses Status den betroffenen Frauen herzlich wenig. Auch Patchwork-Familien ändern an dieser Tatsache oft nichts, da diese zu einem nicht geringen Prozentsatz aus alleinerziehenden Frauen mit neuen Partnern bestehen, die jedoch in einer völlig anderen Verantwortlichkeit stehen. Und oftmals übernimmt die Frau die Reproduktionsarbeit für den neuen Partner und dessen Kinder gleich mit. Auch das Elterngeld nehmen aufgrund des normalerweise deutlich höheren Einkommens der Männer weitaus mehr Frauen in Anspruch als Männer. Lediglich 7 % der Männer beantragen es für den gesamten Zeitraum.9 Nach wie vor führt das hohe Engagement von Frauen bei der Fürsorge und Pflege von Kindern und alten Menschen häufig dazu, dass sie Teilzeitjobs machen. So besteht die finanzielle Abhängigkeit vom männlichen Erwerbseinkommen bzw. von ergänzenden Sozialleistungen weiterhin – ganz abgesehen von den lächerlich geringen Rentenansprüchen dieser Frauen, die ihre Armut auch im Alter fortschreiben.
Wie das Wirtschaftliche und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung feststellt, ist seit 2007 die Zahl der erwerbstätigen Frauen, die zusätzlich ALG II beziehen müssen, verglichen mit dem der Männer deutlicher gestiegen. Fast jede dritte Frau bezog 2012 ergänzend ALG II, da ihr geringer Lohn nicht ausreichte. 2007 war es nur jede fünfte.10 Aufgrund der immensen ökonomischen Ungleichheit ist es nicht verwunderlich, dass immer noch meistens die Männer die Rolle des Familienernährers innehaben. Wir sollten also die Wandlungsfähigkeit der bürgerlichen Gesellschaftsordnung nicht überschätzen. Auch hinsichtlich der Segregation des Arbeitsmarktes erweisen sich die klassischen Geschlechterrollen und damit korrespondierende klassisch männliche und klassisch weibliche Berufe als außerordentlich resistent. So wird nach wie vor in diversen Publikationen die Hartnäckigkeit traditioneller Rollenvorstellungen bei der Berufsauswahl bemängelt.11

Immer noch tummeln sich herzlich wenig Männer lohnarbeitend in Kitas12, in Pflegeberufen13 oder in der Kosmetikbranche. Auf der anderen Seite entscheiden sich weiterhin kaum Frauen dafür, z.B. Berufskraftfahrerin zu werden (ihr Anteil liegt bei 1,7 %)14, was wohl nicht an ihrer fehlenden Kompetenz liegen dürfte. Auch viele Handwerkerjobs liegen nach wie vor auf den Spitzenplatzierungen der Männerberufe.

Die Weichen für eine geschlechtstypische Berufswahl werden dabei bereits in der Ausbildung gestellt. Laut der Studie „Frauen und Männer auf dem Arbeitsmarkt“ des Statistischen Bundesamtes entschieden sich beispielsweise lediglich 16 % der Studentinnen für ein Studium in den sogenannten MINT-Studiengängen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), die einen lukrativen und sicheren Job versprechen. Entgegen der politischen Stoßrichtung der EU, den Anteil von Frauen in diesen Bereichen zu erhöhen, ist die Anzahl weiblicher Studierender lediglich um knapp ein Prozent gestiegen, der Anteil männlicher Studierender hingegen um 4 %.15 Es werden also prozentual nicht mehr, sondern weniger Frauen in diesen Berufen.

Natürlich spielt es für das Kapital keine Rolle, wem es Mehrwert abpresst, und es unterscheidet in diesem Sinne nicht zwischen Männern und Frauen. Je mehr Konkurrenz desto besser. Nun müssen sich noch mehr Arbeiter und Arbeiterinnen um dieselben, immer schlechter bezahlten Jobs prügeln. Schließlich ist das Arbeitsvolumen in Deutschland in den letzten Jahrzehnten nicht gestiegen.16 Wie ihr selbst anbringt, bleibt bei der angeblichen Auflösung der Geschlechterdifferenz ein Lohngefälle zwischen Männern und Frauen. Letztendlich hat das Kapital auch kein Interesse daran, das Gefälle auszugleichen, kann es doch weiterhin von einer Spaltung der Arbeiterklasse profitieren und zugleich sicherstellen, dass Frauen weiterhin die Reproduktionsarbeit übernehmen.

Die EU-Kommission prognostiziert noch weitere 70 Jahre, bis das Lohngefälle zwischen den Geschlechtern vollständig ausgeglichen sein wird. Da die Angleichung nicht nur auf mehr Jobs oder bessere Löhne der Frauen zurückzuführen ist, sondern auch auf sinkende Reallöhne der Männer, sollte dieser Prognose mit Skepsis begegnet werden. Die Frage bleibt offen, wie viel Spielraum bei den Reallöhnen nach unten besteht, sprich wie lange sich die Arbeiter die Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften und die ausbeuterische Haltung der Unternehmen gefallen lassen.

Deutschland befindet sich jedenfalls beim Gender Pay Gap (prozentuale Differenz im durchschnittlichen Bruttoverdienst von Männern und Frauen) auf den hinteren Rängen. Er liegt immer noch bei 22 % und blieb im Vergleich zu den Vorjahren konstant.17 Wie nicht anders zu erwarten, spiegelt sich all dies auch bei der Ansammlung von Vermögen wider. Laut dem DIW Wochenbericht 9 aus dem Jahre 2014 erreichten Frauen nur 72 % des Vermögens von Männern, das von Alleinerziehenden liegt noch deutlich darunter. Das Vermögen von Männern ist in den vergangenen Jahren gestiegen, das von Frauen nicht.18

Diese Befunde solltet ihr berücksichtigen, bevor ihr die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen als Gleichstellungsindiz wertet.

Ihr schreibt, ein sinkendes Lohngefälle führe dazu, dass eine klassische Rollenverteilung bei der Kindererziehung weniger zwingend sei (S. 29). Das halten wir für zu einfach gestrickt, abgesehen davon, dass es für Deutschland nicht einmal zutrifft. Wie wir bisher ausgeführt haben, halten wir es für entscheidender, welche Jobs zu welchen Konditionen von Frauen gemacht werden und welche gesellschaftlichen Anforderungen auch weiterhin parallel an sie gestellt werden.19 Allein mit einer zunehmenden Erwerbstätigkeit und steigenden Löhnen für einzelne scheinen Frauen nicht allzu viel zu gewinnen.20 Auf dem Arbeitsmarkt haben jetzt zwar auch Arbeiterinnen die Möglichkeit, einen sichtbaren Klassenkampf zu führen, als Frauen sind sie zu Hause jedoch immer noch isoliert und jeglicher Arbeitermacht beraubt. Frauen werden nun gleichzeitig als Arbeiter und als Frauen ausgebeutet und müssen sich neben dem Spülbecken auch auf dem Arbeitsmarkt verdingen.21

Entsprechend dieser Bestandsaufnahme teilen wir euren optimistischen, wenn auch im Konjunktiv formulierten Ausblick nicht: „Die heutigen Auflösungstendenzen der Familie könnten in ihr zu einem glücklichen Ende getrieben werden, anstatt nur überforderte Alleinerziehende hervorzubringen. Der bereits unter der Fuchtel des Kapitals vorangeschrittene Bedeutungsverlust des biologischen Geschlechts würde dann der Freiheit aller Einzelnen zugutekommen.“ (S. 31)

Eure Kritik an Federici, sie versuche in sämtlichen ökonomischen Entwicklungen bewusste und gezielte Strategien des Kapitals auszumachen und romantisiere kollektive Vergesellschaftungsformen im Kapitalismus, teilen wir uneingeschränkt. Tatsächlich ist „für ökonomische Prozesse, die sich hinter den Rücken der Beteiligten abspielen, in […] Federicis Analyse kein Platz.“ Und „[u]nberücksichtigt bleiben dabei die wechselseitige Abhängigkeit von Arbeit und Kapital …“ (S. 25) Und schließlich behauptet Federici, Frauen hätten sich mit ihrer Reproduktionsarbeit „der völligen Kommodifizierung des Lebens entgegengestellt und einen Prozess der Wiederaneignung und neuerlichen Vergemeinschaftung der Produktion eingeleitet, der unverzichtbar ist, wenn wir die Kontrolle über unser Leben wiedererlangen wollen.“ (S. 28) Nur von Wiederaneignung oder gar Kontrolle kann durch die oben dargestellte Doppelbelastung der Frauen wohl keine Rede sein – geschweige denn von Vergemeinschaftung.22

Jedoch macht ihr unserer Ansicht nach einen analogen Fehler: So wie Federici das Heil in der Reproduktionssphäre sucht (ohne das kapitalistische System anzugreifen) und die Bedeutung von Projekten wie dem Urban Gardening überhöht, so sucht ihr das Heil in der Produktionssphäre. Ihr versprecht euch von einer steigenden Frauenerwerbsquote einen „Bedeutungsverlust des biologischen Geschlechts“ (S. 31). Ihr verwechselt eine formale Gleichstellung in dem Sinne, dass Frauen lohnarbeiten gehen dürfen, mit einer tatsächlichen Gleichstellung und suggeriert, dass sich die Lebenssituation von Frauen dadurch per se verbessert. Es ist nicht das erste Mal, dass sich progressive Forderungen durch ihre Umsetzung in der kapitalistischen Wirklichkeit negativ auswirkten (bspw. die in den 1970er Jahren erhobene Forderung, die Trennung von Arbeit und Freizeit aufzuheben, die zur massiven Einschränkung der Freizeit führte.)

Die Anschauung, in der Sklaverei des Fließbandes eine Befreiung von der Sklaverei der Hausarbeit zu sehen, war zu Wirkzeiten Dalla Costas schon nicht besonders sexy und wurde von ihr abgelehnt. Heute hat sie sich geradezu ironischerweise dahingehend verwandelt, dass Frauen beides haben dürfen: Herd und Lohnarbeit, zwar in der Regel nicht in der Fabrik, aber in Servicediensten im Niedriglohnbereich. Viele Tätigkeiten sind kommerzialisiert worden, die früher in die Zuständigkeit von Hausfrauen gefallen sind (S. 24). Damit hat sich die Forderung nach Lohn für Hausarbeit auf ironische Weise zum Teil sogar realisiert. Es dürfte jedoch mitnichten in Dalla Costas Sinne gewesen sein, dass Frauen sich nun vermehrt in der Lage wiederfinden, den Großteil der Reproduktionsarbeit abzudecken und zugleich in prekären, niedrigentlohnten und in der Regel nicht unbedingt Anerkennung verschaffenden Jobs zu schuften. Es ist uns ein Anliegen, auf den dahinterliegenden Zwang hinzuweisen und nicht so sehr die Tendenz des Kapitals nach „abstrakter Gleichheit und Freiheit“ zu betonen, wie ihr es tut. Beschissen bezahlte und inhaltlich unattraktive Jobs machen Frauen oft, weil ihnen das Jobcenter unangenehm auf die Pelle rückt, sie von ihren Sozialleistungen keinen Urlaub finanzieren können oder der Lohn ihres Mannes mit den gestiegenen Preisen nicht Schritt gehalten hat.

Sämtliche Interventionen des Staates in diesem Zusammenhang (ob Hartz-Gesetze, Elterngeld oder der Ausbau von Kita-Plätzen) gehen allesamt in eine Richtung: Frauen und vor allem Mütter sollen möglichst ungehindert und so flexibel wie möglich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, ob sie selbst scharf darauf sind oder nicht. Die Forderung der Frauenbewegung war nie Lohnarbeit als Selbstzweck. Es ging darum, der Isolation im eigenen Haushalt zu entkommen und materielle Unabhängigkeit zu erreichen. Beide Ziele haben sich für viele Frauen trotz vermehrter Lohnarbeit nicht erfüllt.

Viele Frauen sind nach wie vor finanziell nicht unabhängig, sondern werden angesichts der geringen Höhe ihres Lohns entweder vom Staat subventioniert oder bessern den geringen Lohn ihrer Männer auf (obwohl sie mittlerweile über ein eigenes Konto verfügen, was nebenbei bemerkt ein deutlich größerer Fortschritt in ökonomischer Hinsicht ist, als klassisch männliche Berufe ausführen zu dürfen). Nur weil die finanzielle Abhängigkeit vom Mann geringer geworden ist – was wir natürlich begrüßen – fällt es uns schwer, den emanzipatorischen Gehalt vor allem im Alltag einer arbeitenden Mutter herauszufiltern. So schreibt auch ihr, „dass kein Kitaplatz je zu dem Zweck geschaffen wurde, Eltern und vor allem Mütter in den Genuss von mehr freier Lebenszeit zu bringen, sondern nur der Mobilisierung ihrer Arbeitskraft dient …“ (S. 30) Die Folgen sind Verunsicherung, Überforderung, Hetze und wenig Freizeit. Besonders frei dürfte sich eine alleinerziehende Mutter oder eine Frau, die jenseits der Pflege auch angeheirateter Verwandten noch arbeiten geht, jedenfalls nicht fühlen.

Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Wir sind mitnichten der Ansicht, dass bei all den Widrigkeiten, die sowohl der Staat als auch das Kapital von Arbeitern abverlangen, notwendigerweise Frauen immer die sind, die mehr betroffen sind.23 Wir denken jedoch, dass ihr besser daran getan hättet, die einleuchtenden Motive und schlüssigen Argumente der von euch kritisierten Autorinnen in den Blick zu nehmen, statt eine leidenschaftslose Beurteilung des Geschlechterverhältnisses per se abzugeben, die weitestgehend auf belegende Statistiken verzichtet. Wir halten es für unerlässlich, die Widersprüchlichkeiten innerhalb der Arbeiterklasse und damit die Begrenzungen in sozialen Kämpfen besser zu verstehen. Unserer Meinung nach lässt sich nämlich das Thema Geschlechterdifferenz nicht ohne einen Angriff auf das kapitalistische System erledigen.

Freunde der geschlechtslosen Gesellschaft

  • 1. Derlei Seitenzahlen in Klammern beziehen sich auf euren Text.
  • 2. Zitiert nach Beverly J. Silver, Forces of Labour, Berlin/Hamburg 2005, S. 41/42.
  • 3. Karl Marx/ Friedrich Engels, Das Kommunistische Manifest, Berlin 1999, S. 59
  • 4. Wir halten dennoch einige von Scholz' Ausführungen zum Thema Sphärentrennung für nützlich, weil sie einer lediglich progressiven Entwicklung im Geschlechterverhältnis widersprechen: „In agrarischen Gesellschaften, selbst wenn sie patriarchal sind, ist die Trennung von privater und öffentlicher Sphäre noch gar nicht oder erst in geringem Maße ausgebildet; insofern hat die Frau noch relativ große Einflussmöglichkeiten, solange die formaljuristische, öffentlich-männliche Sphäre sich nicht verselbständigt und zur dominierenden aufgeschwungen hat, und daher informelle Strategien eher greifen können: ‚Frauen haben unter den Bedingungen bäuerlicher Familienwirtschaft mehr Macht und Einfluß, als die öffentliche Zurschaustellung männlicher Dominanz und Herrschaft erwarten ließe … Weibliche Macht in agrarischen Zusammenhängen beruht … auf Produktion und direkter Kontrolle lebendiger Ressourcen sowie auf einer indirekten Steuerung sozial relevanter Entscheidungen.‘ (Heintz/Honegger 1981, S. 15 […]) Stark vereinfacht könnte also gesagt werden: Sphärentrennung und Patriarchat verhalten sich reziprok zueinander. Je geringer die öffentliche Sphäre entwickelt ist, desto diffuser und weniger eindeutig ist das Patriarchat gesamtgesellschaftlich ausgeprägt. Und umgekehrt: je mehr das Wertverhältnis entwickelt ist, je deutlicher Privatheit und Öffentlichkeit geschieden sind, desto eindeutiger ist die patriarchale Struktur. Dabei entsteht jedoch die Möglichkeit einer widersprüchlichen Entwicklung, je nachdem, ob von der Gesamtgesellschaft oder nur von der öffentlich-rechtlichen Sphäre für sich genommen gesprochen wird: während das wertförmige Patriarchat sich durch die Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit erst voll ausbildet, und die früheren informellen Einflußmöglichkeiten der Frau sich verringern, kann sich gleichzeitig die Stellung der Frau innerhalb der öffentlichen Sphäre (bzw. überhaupt ihr Zugang zu dieser Sphäre) durchaus partiell verbessern." Roswitha Scholz, Der Wert ist der Mann, 1992,
    http://exit-online.org/textanz1.php?tabelle=autoren&index=25&posnr=25&ba...
  • 5. Da helfen auch Tiefkühlpizzen nichts, sind doch die Anforderungen an die Reproduktionsarbeit insbesondere bei der Kindererziehung und Altenpflege stark angestiegen. Auch die Ansprüche an Reinlichkeit und Sauberkeit änderten sich. So war es früher hierzulande z.B. nicht üblich, täglich die Unterwäsche zu wechseln.
  • 6. Lily Lent und Andrea Trumann, Kritik des Staatsfeminismus, Berlin 2015
  • 7. http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/PDF-Anlagen/Fraue...
    pdf.bereich=bmfsfj.sprache=de.rwb=true.pdf
  • 8. Der sogenannte Staatsfeminismus hat genauso wenig mit radikalem Feminismus zu tun wie das, was die bolschewistischen Holzköpfe verzapft haben, mit Marxismus á la Marx zu tun hatte.
  • 9. Lent/Trumann, S. 55
  • 10. http://www.boeckler.de/41747.htm
  • 11. siehe u.a.: www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/berufswahl-frauen-werden-ke... und www.sueddeutsche.de/karriere/frauen-und-maennerberufe-leben-nach-dem-kli...
  • 12. Aktuell sind es 3%: http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/maenn...
    kitas.property=pdf.bereich=bmfsfj.sprache=de.rwb=true.pdf
  • 13. 2011 waren nur 21 % der Auszubildenden männlich: https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/zdw/2...
  • 14. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/202938/umfrage/hoehe-des-f...
  • 15. https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Arbeitsmarkt/Erwerbs...
  • 16. http://www.sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitikaktuell/_Polit...
  • 17. https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/Indikatoren/QualitaetArbeit/Dime...
    Laut EU-Kommission ändert gerade die Tatsache, dass immer mehr Frauen in Deutschland auf den Arbeitsmarkt drängen, nichts am Gender Pay Gap. Im Gegenteil. Die Kommission schreibt: „In Ländern mit einer geringen weiblichen Beschäftigungsrate (z.B. Italien) ist der Pay Gap geringer als der Durchschnitt. Ein hoher Pay Gap ist gewöhnlich charakteristisch für einen stark segregierten Arbeitsmarkt, wo sich also Frauen in einer eingeschränkten Anzahl von Sektoren und/oder Berufen konzentrieren (z.B. Tschechien, Estland und Finnland) oder wo Frauen einen signifikanten Anteil Teilzeitarbeit leisten (z.B. Deutschland und Österreich).“ [Übers. der Verfasser]
    (http://ec.europa.eu/justice/gender-equality/gender-pay-gap/situation-eur...)
  • 18. https://www.diw.de/documents/publikationen/73diw_01.c.438708.de/14-9.pdf
    Das betrifft übrigens auch das Betriebsvermögen. So schreibt die Süddeutsche Zeitung am 13.10.2010: „Besonders auffällig ist der Unterschied bei den Betriebsvermögen. Auf eine Frau, die als Unternehmerin Betriebsvermögen besitzt, kommen statistisch drei männliche Unternehmer, denen eine Firma gehört. Das erklärt einen erheblichen Teil der Unterschiede; Männer besitzen nach Grabkas Analyse im Schnitt fünfmal mehr Betriebsvermögen als Frauen.“
    http://www.sueddeutsche.de/geld/diw-studie-geschlechtervergleich-vermoeg...
  • 19. So bemerkt auch der economist in einem Artikel vom 30.5.2015, dass arbeitslose Männer in den USA nur halb soviel Zeit für Hausarbeit und Pflege aufbringen wie Frauen und stattdessen viel mehr fernsehen: „American men without jobs spend only half as much time on housework and caring for others as do women in the same situation, and much more time watching television.“, http://www.economist.com/news/leaders/21652323-blue-collar-men-rich-coun...
  • 20. Die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen birgt natürlich auch Nachteile für Männer. Sie haben mehr zu verlieren. Nicht nur konkurrieren sie neuerdings auch mit Frauen auf dem Arbeitsmarkt, sondern müssen auch steigende Ansprüche fürchten, Reproduktionsarbeit zu leisten – und sei es auch nur das Einräumen des Geschirrspülers oder das Aufwärmen von Babymilchflaschen.
  • 21. Berufstätige Frauen müssen mitunter sogar noch mit ihren Ehemännern darüber streiten, wer denn nun den Haushalt schmeißt.
  • 22. Jenseits der berechtigten Kritik an Federici lohnt sich jedoch ein Blick in ihr Hauptwerk Caliban und die Hexe. In dieser historischen Aufarbeitung der Hexenverfolgungen untersucht sie, wie sich die Hierarchien innerhalb der Arbeiterklasse veränderten. Eine besondere Stärke dieser Ausführungen ist, dass sie die sozialen Kämpfe gegen das Kapital, aber auch innerhalb der Arbeiterklasse während der Entstehung des Kapitalismus ins Zentrum stellt. Ihr zitiert die Autonome Gruppe 1. Mai, die der Ansicht ist, „[v]on einer Reproduktion der ArbeiterInnenklasse kann zu Beginn der Kapitalisierung nicht die Rede sein – das Kapital bedient sich eines vorerst unerschöpflich scheinenden ArbeiterInnenreservoirs vom Lande“ (S. 14). Federici arbeitet dagegen durchaus schlüssig heraus, dass zunächst diese Arbeiter vom Lande ihrer Alternative zur Lohnarbeit beraubt werden mussten. Das erfolgte vor allem durch die Abschaffung der Allmende, d.h. der arbeitereigenen Möglichkeit, sich ohne Lohnarbeit wenigstens zum Teil reproduzieren zu können. Auch wenn man in diesen Ausführungen allzu häufig verschwörungstheoretische Elemente findet, die nahelegen, personalisierte Kapitalisten hätten sich diese konzertierte Aktion in irgendeinem Hinterzimmer ersonnen, bleibt dennoch Federicis Verdienst, bei einer fundierten Kapitalismuskritik von vornherein die Reproduktionssphäre im Blick zu haben.
  • 23. Siehe dazu z.B. noch einmal den Artikel „The weaker sex“ in the economist vom 30.5.2015, a.a.O.