Lafif Lakhdar: Warum der Rückfall in den islamischen Archaismus?

27. Sep 2015

Vorbemerkung. Der folgende Text, verfasst unter dem Eindruck der iranischen Revolution, dürfte eine der ersten Abhandlungen über den modernen Islamismus aus linksradikaler Sicht darstellen. Er skizziert dessen Entstehung aus den besonderen Bedingungen der muslimischen Welt heraus, insbesondere aus dem Charakter ihrer Bourgeoisie, und im Bewusstsein, dass die Kritik der Religion die Voraussetzung aller Kritik ist. Damit unterscheidet er sich von der folgenreichen Dummheit derjenigen Linken, die zwischen der Kritik des Islam und dem rassistischen Ressentiment gegen »die Araber« nicht unterscheiden können oder wollen. Gleichzeitig vermeidet er die genauso folgenreiche Dummheit anderer Linker, angesichts der Misere der arabisch-muslimischen Welt einen Lobgesang auf »den Westen« anzustimmen. Für Lakhdar bildet vielmehr die nicht zuletzt von westlichen Staaten abgesicherte Welthungerordnung einen wesentlichen Grund für den Aufstieg der Islamisten. Sie bieten eine irrationale Antwort auf irrationale Verhältnisse.
Lakhdar ging 1981 davon aus, die Islamisten im Iran würden sich nicht lange an der Macht halten können. Diese leider widerlegte Prognose war kein zufälliger Irrtum, sondern folgte aus seiner Grundannahme, der Islamismus sei mit den Erfordernissen des Kapitalismus unvereinbar. Anders gesagt, so gelungen Lakhdars Polemik gegen die noch unterhalb bürgerlicher Verhältnisse agierende islamische »Bourgeoisie« ist (ein in diesem Zusammenhang etwas fragwürdiger Begriff), so sehr zieht sich durch den Text die stillschweigende Ineinssetzung des Kapitalismus schlechthin mit der besonderen, eben »bürgerlichen« Ausprägung, die er auf seinem europäischen Geburtskontinent angenommen hat. Doch offenbar kann eine kapitalistische Warengesellschaft auch unter der Herrschaft der Mullahs existieren.
Lakhdar, 1934 in Tunesien in eine arme Familie geboren, machte eine Odyssee durch diverse arabische Länder durch, stets auf der Flucht vor politischer Verfolgung durch autoritäre Regime. Er ließ sich schließlich in Paris nieder, wo er 2013 starb. Die Zeitschrift »Khamsin – Journal of Revolutionary Socialists in the Middle East«, in der der folgende Text erstmals publiziert wurde, war ein Gemeinschaftsprodukt von jüdischen Israelis aus dem Dunstkreis der antizionistischen Gruppe Matzpen und von arabischen Dissidenten; viele Ausgaben sind vollständig dokumentiert auf der Website Libcom.org.1

Um ein kritisches Verständnis des Fortdauerns des islamischen Archaismus und seines Brimboriums zu erlangen, muss man sich ihm durch die Logik sowohl seiner eigenen als auch der Geschichte der arabisch-muslimischen Bourgeoisie des 19. und 20. Jahrhunderts nähern, die sich vom europäischen Geschichtsprozess und den folkloristischen Residuen des Christentums im heutigen Westen radikal unterscheidet.

Islamischer Fundamentalismus – keine Reformation

Lassen Sie mich erklären: Einige Orientalisten wie der Amerikaner Richard Michel sehen in den aktivistischen islamischen Bewegungen ein Potenzial zur Reform des Islam. In anderen Worten, einen Weg, ihn zu rationalisieren und so dem westlichen Liberalismus anzunähern. Diese Autoren sind eindeutig der komischen Versuchung der Analogie und der bequemen Möglichkeit der Wiederholung erlegen. Denn wenn man eine Parallele zwischen den zeitgenössischen islamischen Bruderschaften und der europäischen Reformation zieht, macht man die konkrete Geschichte nur zum Gespött.

Historisch gesehen ist die Reformation ein integraler Teil der Herstellung der modernen Welt, der Geburt der Nationen und ihrer Sprachen aus den Ruinen des Heiligen Römischen Reichs und seines himmlischen Gegenstücks – der Kirche. Dieser Prozess führte in einer langen Entwicklung zur Explosion des dritten Standes – eine Tatsache von entscheidender Bedeutung, ohne Parallele in der modernen Geschichte des Islam –, die wiederum zur Französischen Revolution führte und somit zu modernen Nationen und Klassen.

Die islamischen Bewegungen stehen in einem vollkommen anderen historischen Kontext. Diesen Kontext mit dem der Reformation zu vermischen bedeutet, die Ursprünge und die Entwicklung der gegenwärtigen Bewegung des islamischen Fundamentalismus ebenso misszuverstehen wie seinen historischen Vorläufer – die pan-islamische Bewegung des 19. Jahrhunderts.

Der Pan-Islamismus nahm unter der politischen Führung des osmanischen Sultans persönlich und der ideologischen Führung von al-Afghani und ’Abduh Gestalt an. Sein Ziel war es, das Kalifat (das Reich) zu verteidigen, das langsam, aber sicher zerfiel, als eine Folge der vereinigten Vorstöße der europäischen ökonomischen und ideologischen Durchdringung und der nationalistischen Forderungen der Balkanvölker, insbesondere der Serben und der Bulgaren, die für die Emanzipation sowohl von der Herrschaft der osmanischen Machthaber als auch von der religiösen Herrschaft des ökumenischen Patriarchats kämpften, das noch immer der Idee eines großen neuen Reichs mit Griechenland als Zentrum nachhing.

Verblendet von ihren pro-osmanischen Vorurteilen, erkannten die Anhänger des Pan-Islamismus nicht, dass die Zeiten sich geändert hatten und die Ära des modernen Nationalstaats über die der Reiche früherer Zeiten gesiegt hatte. Sich selbst treu, war der Pan-Islamismus während des letzten Viertels des 19. Jahrhunderts leidenschaftlich gegen die säkularen und liberalen anti-osmanischen Tendenzen der arabischen Christen – Shibli Shumayyil, der Darwinist, war einer ihrer führenden Sprecher – eingestellt. Diese letztgenannte Tendenz betrachtete als einzige Antwort auf die europäische Durchdringung und den osmanischen Despotismus sowohl die vollständige Übernahme des europäischen Zivilisationsmodells als auch die Trennung der arabischen Provinzen vom Reich und somit die Bildung einer modernen Nation.

Der Pan-Islamismus konterte diese liberalen Forderungen mit seinem berühmten alten Schund von der Notwendigkeit eines gerechten Despoten nach dem Vorbild des zweiten Kalifen, ’Umar, der seinen Untergebenen fünfzehn Jahre lang eine hündische Disziplin auferlegen und schließlich Schritt für Schritt ins Zeitalter der Vernunft führen würde. Gegen die Idee der Bildung einer säkularen arabischen Nation, die Muslime, Christen und Juden umfassen würde, stellte der Pan-Islamismus die muslimische Nation, wie sie im Koran verstanden wird – als Gemeinschaft der Gläubigen. Der Pan-Islamismus dachte sogar, dass er das Wegbrechen der arabisch-muslimischen Provinzen aufhalten könne, indem er den sunnitischen Islam durch das Verschmelzen seiner vier Riten vereinigen würde.

Diese Antwort auf die Herausforderung des europäischen Modernismus war nicht nur anachronistisch – sie war auch unsicher. Der führende Sprecher des Pan-Islamismus, al-Afghani, schwankte von einer Position zur anderen. Dieser Hohepriester des Pan-Islamismus trat manchmal für den Pan-Arabismus ein, was den Zerfall des Reichs bedeutete; wenngleich standhafter Pro-Osmane, befürwortete er manchmal die Arabisierung des Reichs, was bedeutet hätte, dass die Türken, das dominierende Element im Reich, in eine untergeordnete Position geraten wären; wenngleich militanter Gegner des Sozialismus, als einer aus Europa importierten Theorie, sagte er von Zeit zu Zeit den universalen Sieg des Sozialismus voraus; wenngleich Ideologe des islamischen Fundamentalismus, empfahl er hin und wieder (vermutlich unter dem Einfluss der Freimaurer, deren Mitglied er war) die Fusionierung der drei monotheistischen Religionen in eine neue Synthese, die jeder einzelnen überlegen sei. Diese Idee war offen häretisch. Sein Schüler ’Abduh, der am ’Urabi-Aufstand von 1881 – einer antibritischen und antiautoritären Revolte, die der Sultan heftig verurteilte – teilgenommen hatte, widerrief dies später.

Diese Konfusion und Inkohärenz des Pan-Islamismus sind eng verknüpft mit dem Niedergang der arabisch-muslimischen Welt seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und der Tatsache, dass sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte erobert worden war, nämlich vom bürgerlichen Europa.

Letztlich drückten die Anhänger des Pan-Islamismus die Gefühle der pro-osmanischen Großgrundbesitzer aus. Diese Landeigentümer verdankten ihre Position dem ersten Versuch der Privatisierung der Ländereien der Krone, den der halb moderne, halb orientalische Staat von Muhammad Ali durchführte. Sie waren sich der Drohung bewusst, den der europäische Einfluss für ihre Interessen darstellte. Außerdem war die britische Herrschaft dabei, auf ihre Kosten das Wachstum einer neuen ländlichen Klasse zu fördern, die auf kleinen und mittleren Landeigentümern fußte. Gerade diese Klasse bildete den Kern der modernen arabischen Bourgeoisie.

Der Pan-Islamismus des 19. Jahrhunderts, der als al-Nahda (Erwachen) bekannt ist, ist in keiner Hinsicht mit der Reformation vergleichbar, und weniger noch mit der Renaissance, die eine Rückkehr zu den vorchristlichen Werten der heidnischen griechisch-römischen Zivilisation war. Sogar die Gegenreformation war eine fortschrittliche Bewegung im Vergleich zum zeitgenössischen islamischen Fundamentalismus. Dieser entstand 1928, also nach dem Ersten Weltkrieg, der den Niedergang der kapitalistischen Produktionsweise einläutete, deren Krise seither permanent ist. Seither sind alle Varianten der Bourgeoisie regressiv. Ohnehin kann man den Gang der Geschichte der arabisch-islamischen Welt nicht mit dem des modernen Europa vergleichen, ohne sich zum Narren zu machen. Die Dynamik ist sehr unterschiedlich.

Eine leidenschaftliche Kritik der religiösen Illusion, aufeinander folgende Revolutionen – kommerzielle, kulturelle, wissenschaftliche, philosophische, bürgerliche, industrielle – und schließlich die Schaffung des Nationalstaats: Das fasst das Wesentliche der europäischen Geschichte seit der Renaissance zusammen.

Das kopernikanische Erdbeben, die Häresien, die Aufklärung, 1792, 1848, 1871, 1917 waren für die Religion und den mystischen Obskurantismus allesamt tödliche Schläge. Priester waren bereits eine aussterbende Art geworden, und das Christentum ist dank der anti-christlichen Strömungen, die die Französische Revolution hervorbrachte, nur noch ein Schatten seiner selbst. Vom Furor der direkten Demokratie der Französischen Revolution im Jahr 1793 bis zu Freud, der zeigte, dass die Mechanismen und das Pulsieren des Unbewussten einem Großen Aufseher nichts schulden, verinnerlichte die große Mehrheit in ihrem kollektiven Unbewussten eine an Atheismus grenzende religiöse Indifferenz. Während in der islamischen Welt die Moschee noch immer alles zu beherrschen wünscht, spielt im Westen das Fernsehen jeden Abend bewundernswert die Rolle des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes und verwandelt so Kirche, Familie und bald auch die Schule in lauter Anachronismen 2.

Nachdem Gott von der bürgerlichen Revolution zu Tode befördert und die Kirche marginalisiert worden war, taucht der Nationalstaat auf dem Altar auf, an dem alle Bürger, ungeachtet ihrer rassischen und religiösen Herkunft, die Kommunion empfangen.

Innerhalb dieses zutiefst profanen Europa setzt sich der Nationalstaat im Zuge des doppelten Prozesses der Assimilation der Bourgeoisien und der ethnischen oder religiösen Minderheiten und der Marginalisierung der nationalen und religiösen Partikularismen durch.

Bourgeoisie ohne bürgerliche Revolution

In der arabisch-muslimischen Welt hat dieser Prozess nicht stattgefunden, und der Nationalstaat erblickte nie das Licht der Welt. Der moderne arabische Staat – ein Abbruch des Projekts für einen Staat, den Napoleon in Ägypten zu implementieren suchte, der von Muhammad Ali übernommen wurde und noch heute mit einer modernistischen Fassade und den Fundamenten des Kalifats überlebt – hat es nicht geschafft, in die Reihen des Nationalstaats aufzusteigen. Er ist ein konfessioneller Staat geblieben, der dem Kreislauf von Aufbau, Zerfall und Wiederaufbau unterworfen ist. Im Wesentlichen ist er unverbesserlich despotisch und konfessionell geblieben. Religion, in diesem Fall der Islam, spielt die Rolle eines Katalysators für das kollektive Gedächtnis der Ummah, der koranischen Nation, undifferenziert und vom göttlichen Gesetz zusammen gehalten. Weil die bürgerliche patrie nicht geschaffen wurde, sind die Kriege, die die arabisch-muslimische Bourgeoisie Dekade um Dekade geführt hat, nicht patriotische Kriege, sondern Jihads.

Mangels einer bürgerlichen Revolution ist der arabische Staat, obwohl bürgerlich in seiner gesellschaftlichen und antiproletarischen Rolle, nicht in der Lage gewesen, sich wirklich zu einem unabhängigen modernen Staat zu entwickeln, der sich nicht auf die Krücken des Islam stützen muss. Sein konfessioneller Charakter – schließlich wurde der Islam zur Staatsreligion erklärt – hindert ihn bis heute daran, einen wirklichen nationalen Zusammenhalt zu schaffen. Das könnte nur ein nicht-konfessioneller Staat leisten, der aus einer Fusionierung und Umformung aller gegenwärtigen Bestandteile seiner nationalen Bourgeoisie resultieren würde. Da er in dieser Hinsicht keinen Erfolg gehabt hat, ist jeder arabische Staat ein Mosaik aus Partikularismen aller Art, deren Glaubensbekenntnisse, ethnische Loyalitäten, Dialekte und Mentalitäten unterschiedlich und widersprüchlich sind. Syrien, der Irak und Libanon sind dramatische Beispiele dafür. Das erklärt, warum in Krisenzeiten regionale, tribale, ethnische oder konfessionelle Bindungen oft die Schneide der sozialen Interessen stumpf machen, und es erklärt auch die horizontale Teilung der arabisch-islamischen Gesellschaft, die unbewusst eher als ein Nebeneinander von Clanzugehörigkeiten (asabiyat) erfahren wird denn als eine Gesellschaft, in der offener Klassenkampf herrscht.

Die Tatsache, dass der arabische Staat noch immer keine säkulare Dimension aufweist, bedeutet, dass die Christen und die Juden, um die Freidenker gar nicht zu erwähnen, immer noch einem tributpflichtigen dhimmi-Status unterworfen sind wie vor 1400 Jahren.

Keine Partei, kein arabisch-muslimischer Denker hat auf der Säkularisierung des arabisch-muslimischen Staats bestanden, die vom Pan-Islamismus des 19. Jahrhunderts und dem gegenwärtigen islamischen Fundamentalismus so bitter bekämpft wurde und wird. Es ist wahr, al-Kawakibi forderte die Union von christlichen und muslimischen Arabern – aber im Rahmen des sakrosankten islamischen Kalifats, dessen Kalif ein Kureishi (Araber vom Stamm Mohammeds) sein muss. Ähnlich griff der arabische Aufstand von 1916 bis 1919, der von Großbritannien unterstützt wurde, die osmanische Ordnung nur an, um »alle wirklichen Muslime« aufzufordern, »die atheistische Regierung zu stürzen, die den Sultan entthront und sein Eigentum konfisziert hat« 3. Sogar die Ägyptische Nationale Partei, die sich selbst für jakobinisch hielt, war aufs Schärfste anti-säkular. Sie attackierte Qasim Amin, weil er eine Maßnahme zur Emanzipation der muslimischen Frauen im Rahmen eines ein wenig neu interpretierten Islam vorschlug. Ihr Führer Mustafa Kamit machte Freudensprünge, als ein Gerichtshof die Heirat einer muslimischen Frau mit einem koptischen Journalisten annullierte. Schlimmer noch, die Parteizeitung al-Mu’ayyed griff gezielt die Kopten an, weil sie nicht zum Islam konvertiert seien.

Die gegenwärtigen Führer der arabischen Bourgeoisie sind ihren Vorgängern in dieser Hinsicht treu. Gaddafi hat kürzlich erklärt: »Der arabische Nationalismus ist Teil des Islam. (...) Es ist nicht normal, sollte sich im arabischen Heimatland ein Araber befinden, der nicht Muslim ist. Der christliche Araber hat kein Recht, der arabischen Nation anzugehören, deren Religion nicht die seine ist.« Interview in der libanesischen Tageszeitung al-Safir, 10. August 1980. Wie der vollwertige Untertan im europäischen Mittelalter ein Christ war, so ist der wahre »Bürger« in der arabischen Welt ein Muslim.

Gaddafi spricht laut aus, was seine arabisch-muslimischen Kollegen sich zuflüstern. König Faisal sagte zu Sadat, als dieser ihm seine Entscheidung mitteilte, 1973 zusammen mit Syrien Israel anzugreifen: »Es wäre eine Katastrophe, Krieg zu erklären zusammen mit einem Syrien, das von den Ba'athisten und den Alawiten (einer Sekte des schiitischen Islam) regiert wird. Sich mit Ba’athisten zu verbünden bedeutet, ein Unglück zu riskieren. Aber auch noch mit Alawiten, so steuert man gleich auf ein doppeltes Unglück zu.« 4 Dieser morbide Konfessionalismus wird durch die Verhältnisse erklärt, die zum Aufstieg der arabisch-muslimischen Bourgeoisie führten, und durch ihr vitales Bedürfnis, zu ihrem Überleben auf den Islam zurückzugreifen. Diese Bourgeoisie entstand nicht in einer Revolution, sondern als Ergebnis eines faulen Kompromisses mit ihrem kolonialistischen Gegenspieler; denn sie stammte aus der Landwirtschaft, nicht aus der Industrie. Und schließlich ist sie ein Nachzügler, denn als sie nach dem Ersten Weltkrieg geboren wurde, setzte der Niedergang der Bourgeoisie bereits auf Weltebene ein. Um das Kommando zu behalten, als sie mit der Herausforderung durch das »Volk« konfrontiert wurde, konnte sie sich (abgesehen von den Streitkräften) nur auf Allah und den Islam als der wichtigsten Mystifikation der schuftenden Massen verlassen, weil sie wegen ihrer immensen ökonomischen Rückständigkeit daran scheiterte, die modernen, dem politischen und gewerkschaftlichen Pluralismus inhärenten Mystifikationen zu errichten. Ihre Unfähigkeit, eine prosperierende Ökonomie zu schaffen, die die quantitativen Bedürfnisse des Proletariats befriedigt, ließ nur den Islam als eine ideologische Waffe zurück, um die gesellschaftliche Dynamik zu lähmen, den sub-animalischen Status der Frauen aufrechtzuerhalten, den Intellekt der Massen zu blockieren und den Klassenkampf zu mystifizieren. Der Kampf zwischen den Unterdrückern und den Unterdrückten verkam – oft durch die Bemühungen des politischen und religiösen Establishments – zu einer sterilen Konfrontation zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, Sunniten und Schiiten. Kurz, der Islam, wie seine etymologische Bedeutung zeigt, war in der Lage, seine Untertanen in die Unterwerfung zu zwingen.

Dekadent von Geburt an, war die arabische Bourgeoisie unfähig, ihren eigenen Markt wie auch ihre nationale Einheit zu schaffen. Daher ihre Anhänglichkeit an die heutigen Imperialismen und an das osmanische Reich aus früheren Zeiten. ’Urabi weigerte sich mitten im Krieg gegen das britische Expeditionskorps, seine Exkommunikation durch die osmanischen Sultane als ein ’asiy (Rebell) öffentlich zu machen und zurückzuweisen – diese Exkommunikation war überdies dank der Versprechen und Drohungen der Briten erzielt worden. Als die Khediven und die Briten dies in der ägyptischen Armee verbreiteten, war sie demoralisiert. Die Soldaten der ersten ägyptischen Erhebung wollten nicht länger als Rebellen sterben, sondern lieber als Märtyrer mit dem Segen eines türkischen Sultans. Mehr als vierzig Jahre später weigerte sich Sa’d Zaghlul, der Vater des säkularen ägyptischen Nationalismus, die Abschaffung des osmanischen Reichs durch die Türken zu unterstützen, »denn«, sagte er, »die Menge ist sehr sensibel bei diesem Thema«. Muhammad Farid, der Führer der ägyptischen Nationalpartei, ging sogar noch weiter, als er schrieb: »Die Muslime Ägyptens schulden es sich selbst, sich für immer an die Türkei zu binden, die die Hauptstadt des islamischen Kalifats ist, und ihrer Geschichte in Ägypten oder anderswo keine Beachtung zu schenken.« In den Worten eines ägyptischen Jakobiners finden wir die grundlegende These des Pan-Islamismus von Afghani: »Die Nationalität der Muslime ist nur ihre Religion.«

Vom gescheiterten Pan-Islamismus zur untauglichen Modernität*

Obwohl die ideologischen Grenzziehungen zwischen dem Diskurs und den konfessionellen Praktiken der arabisch-muslimischen Bourgeoisie einerseits und dem pan-islamischen Fundamentalismus andererseits verworren sind, tauchte ein neuer Faktor auf – die Niederlage des Pan-Islamismus. 1919 erscheint der Islam als Verlierer. Das »Haus des Islam«, abgesehen von Nordjemen, Afghanistan und dem, was Saudi-Arabien werden sollte, befand sich vollständig unter europäischer Herrschaft. Das Rezept der Pan-Islamisten – ein Islam, der durch die Rückkehr zu den Quellen wiedervereinigt, gereinigt und deshalb in der Lage sein sollte, der europäischen Herausforderung zu trotzen – stellte sich als untauglich heraus. Sein ursprünglicher Widerspruch zwischen der Notwendigkeit, der Macht und somit der Modernität beizutreten, und der Tendenz, zu einem primitiven, mit den Anforderungen von Macht und Modernität unvereinbaren Islam voller Tabus zu regredieren, wurde offensichtlich. Tatsächlich drückt dieser Widerspruch die historische Unmöglichkeit aus, dieses doppelte Ziel zu erreichen. In der Epoche der permanenten Krise war es für die islamische Bourgeoisie unmöglich, den Anschluss an den modernen Kapitalismus zu finden; und zu einer Zeit, als der Weltmarkt unter der Diktatur der Massenkonsumtion vereinigt wurde, ließ sich die Rückkehr zu einem reinen und unverwässerten, strengen und nach innen gewandten Islam nicht bewerkstelligen.

Die Abschaffung des Islamischen Kalifats durch Atatürk im Jahr 1924 und die Trennung der arabischen Provinzen von der Türkei bedeuteten, dass der Pan-Islamismus, dessen Zentrum das osmanische Reich gewesen war, bedeutungslos wurde. Indem er, 35 Jahre nach Jules Ferry, nicht-konfessionelle republikanische Schulen einrichtete, deren Besuch allgemeine Pflicht war, und sich für das europäische Lebensmodell entschied, rehabilitierte Atatürk die Tendenz von Shibli Shumayyil, dem Rivalen des Pan-Islamismus. Auch die neue verwestlichte arabisch-muslimische Intelligentsia, die zwischen den zwei Weltkriegen aufzutauchen begann, tendierte in diese Richtung. Der traditionalistische islamische Diskurs war nicht länger das zentrale Thema. Ihr führender Sprecher, Taha Husain, ging sogar so weit, sich über die Rhetorik des Koran lustig zu machen, die einhellig als das eine und einzige göttliche Wunder betrachtet wurde, die Botschaft Mohammeds zu verbürgen. Er legte sich mit den Traditionalisten an, deren Schriften nicht mehr waren als widerliche Klagen über die jüdisch-christliche »Verschwörung« zur Unterminierung des Islam. Taha Husain wurde selbst von den aufgeklärtesten Führern der arabischen Bourgeoisie verdammt. Er und seine Geistesgenossen waren eher für ihre Pariser Lehrer repräsentativ als für ihre eigene schwachsinnige Bourgeoisie, die nicht die leiseste Kritik duldete.

Die Intelligentsia der Periode zwischen den zwei Weltkriegen war ihrer Bourgeoisie voraus, hinkte aber ihrer Zeit hinterher – und versagte in ihrem absurden Versuch, fundamentalistische Authentizität mit kommerzieller Modernität, die Besonderheit des Traditionalismus mit der vom Weltmarkt durchgesetzten Vereinheitlichung zu versöhnen. Kurz, sie wollte sich mit der Bourgeoisie identifizieren und zur gleichen Zeit sie selbst sein. Fast alle modernistischen Intellektuellen zogen ihre eigenen Schlussfolgerungen aus ihrem Versagen; sie widerriefen noch vor Ende der 1940er Jahre und stimmten ein in die religiöse Stupidität der Bourgeoisie, die im Wesentlichen Gefangener des Schnickschnacks von ’Abduhs Pan-Islamismus blieb, aber in den Grenzen eines Islam, der definitiv aufgebrochen war.

Unterdessen scheiterte in Ägypten – dem Epizentrum der arabisch-muslimischen Welt und dem Modell für ihre Entwicklung – die liberale Bourgeoisie unter der Führung der bi-konfessionellen und insofern implizit säkularen Wafd-Partei ebenfalls an der Aufgabe, die Ökonomie zu modernisieren. Die anderen Bourgeoisien gerieten in dieselbe Sackgasse. Als das Versagen der liberalen Fraktion der Bourgeoisie komplett war, übernahm die etatistische Fraktion: 1952 in Ägypten, 1954 in Syrien, 1958 im Irak und schließlich, 1956, der zivile Neo-Destour in Tunesien.

Kaum war die modernisierungsorientierte autoritäre Fraktion der arabischen Bourgeoisie mit ihrem Glauben an die Planwirtschaft an der Macht, erschien sie der altmodischen Fraktion der muslimischen Bourgeoisie in Ägypten, Syrien und Algerien als »kommunistisch«, in Tunesien als »verwestlicht«. Umso mehr, als ihre pro-sowjetischen Tendenzen in Ägypten, Syrien, Algerien und ihre pro-westlichen in Tunesien offensichtlich waren. Im Nahen Osten hemmte die pan-arabische Botschaft den Einfluss des Pan-Islamismus. Einige Agrarreformen, die die Lage der Fellachen nicht nennenswert verbesserten, beeinträchtigten die Interessen der alten Landbourgeoisie, die in vielen Fällen die Geistlichen umfasste oder enge Verbindungen zu ihnen hatte.

Selbst unter den Modernisierern blieb der arabische Staat wie gewohnt heuchlerisch und bigott; die Reden von Leuten wie Bourguiba oder Nasser waren durchweg mit ebenso vielen Koran-Zitaten gespickt wie mit Statistiken. Dennoch vertrugen sich die Reformprojekte schlecht mit einem zutiefst traditionalistischen Islam. Die Verfassung von 1962 in Ägypten plapperte vom wissenschaftlichen Sozialismus, ebenso wie die Verfassungen von Algerien und Syrien von 1964. In Tunesien wurde 1957 ein Personenstandsrecht eingeführt, das ultramodern und in der muslimischen Welt ziemlich einzigartig war. Es verbot die Polygamie, die im Koran erlaubt ist. Die Scheidung wurde auf eine geschäftliche Transaktion reduziert und beiden Geschlechtern ermöglicht, während der Islam – der Gipfel des männlichen Chauvinismus – sie zum alleinigen Privileg des Ehemanns macht. Um eine Vorstellung von der Feindseligkeit des muslimischen Klerus gegenüber solchen Maßnahmen zu bekommen, sollte man sich erinnern, dass die khomeinistische Regierung unmittelbar nach der Machtergreifung die Beschränkungen außer Kraft setzte, die das vorherige Regime dem einseitigen Recht des Ehegatten, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, auferlegt hatte.

Die letzte Preisgabe islamischer Dogmen erfolgte durch Bourguiba, der 1958 das Fasten im Monat des Ramadan abschaffte, um dem durch es verursachten drastischen Rückgang der Produktion entgegenzuwirken. Als ein Ergebnis der ökonomischen und legislativen Maßnahmen, die die modernisierende Bourgeoisie dort, wo sie an der Macht war, ergriff, begann die Gesellschaft aufzubrechen und die Familie zu zerfallen. Eine neue, für ihre Korruption legendäre Bourgeoisie stieg schnell zu Reichtum auf, und das begünstigte – in Gesellschaften, in denen die Familien- oder Gemeinschaftssolidarität noch eine Frage der Ehre war – die Entstehung einer utilitaristischen, an Geld und Erfolg gebundenen Mentalität. Kurz, die alte Form der Gesellschaft erodierte und die traditionelle Wirtschaft wurde zerstört, ohne dass etwas Neues an ihre Stelle trat. Diesem ökonomischen Misserfolg fügte die modernisierende Bourgeoisie 1967 auch noch die militärische Niederlage gegen Israel hinzu. Die Besetzung ganz Jerusalems, der zweitheiligsten Stätte des Islam, lieferte der bitter verfolgten Muslimbruderschaft ein unverhofftes Argument, um die Mittelklassen, die gesellschaftliche Hauptstütze der Machthaber, nicht nur gegen Israel und die UdSSR einzunehmen, sondern auch gegen die arabischen Regierungen, deren »Mangel an Glaube (...) die ganze Katastrophe (bewirkte)«.5

Innere Ursachen des islamischen Fundamentalismus

Die alte liberale Bourgeoisie der Landeigentümer und Kompradoren, die durch ihren eigenen Misserfolg ernsthaft geschwächt und diskreditiert war, konnte nicht länger die Fähigkeit beanspruchen, die modernere staatliche Bourgeoisie zu ersetzen. Nur die religiöse Fraktion, die darüber hinaus den Vorteil hatte, die Macht niemals direkt ausgeübt zu haben, konnte dies. Umso mehr, als sie die einzigen waren, die es gewagt hatten, sich den Machthabern entgegenzustellen, als diese auf dem Gipfel ihres Ruhms zu sein schienen. Die Pein, die durch die Niederlage (von 1967, Anm. d. Ü.) hervorgerufen wurde, die permanente Krise der Regimes, die durch die Konsequenzen des Kriegs nur vertieft wurde, und schließlich die schwarze Sonne der Melancholie, die in dieser Region kaum je untergeht, begünstigte Vögel, die nur in den Momenten des Zwielichts der Geschichte fliegen – die religiösen Prediger. In den Zeiten, in denen die Atmosphäre voller Zweifel und Fragen ist, treten sie hervor, um den geplagten Massen ihr demagogisches Rezept zu offerieren – eine Rückkehr zum islamischen Archaismus.

Die Tatsache, dass die islamischen Fundamentalisten die einzige Massenopposition in der arabischen Welt sind, beruht nicht nur auf den aufeinander folgenden Misserfolgen sowohl der liberalen wie auch der etatistischen Fraktion der Bourgeoisie. Es gibt andere Gründe, sowohl innere wie äußere, die sich gegenseitig beeinflussen. Sie verdienen ein näheres Hinsehen.

Das Christentum wurde zunächst modernisiert, um es an das neue Europa anzupassen. Seit der Renaissance wurde es von Kopernikus bis Freud einer unerbittlichen Kritik ausgesetzt, ganz zu schweigen von den Häresien und Revolutionen. Mangels einer mächtigen industriellen arabisch-muslimischen Bourgeoisie mit ihrer eigenen Intelligentsia blieb der zeitgenössische Islam von jeder Art subversiver Kritik verschont. Dennoch reagiert er ebenso empfindlich wie andere Religionen, wenn nicht mehr, auf jede Art von Kritik, sei sie gesellschaftlich oder wissenschaftlich. Denn der Koran hat den biblischen Absurditäten der Genesis etwas hinzuzufügen. Die Erde ist demnach flach; die Sonne geht »in einer verschlammten Quelle« nahe einem Volk unter; die Sterne »des untersten Himmels« sind dazu bestimmt, »auf Dämonen« geworfen zu werden; »sieben Himmel« und »ebenso viele Erden« wurden von Allah geschaffen. Das Universum, das ist wahr, ist unendlich weit, und es könnte durchaus sein, dass der arme Allah aus ihm nicht schlau wird. Geht es aber um den Menschen, gibt es kaum eine Entschuldigung. Aus einer Myriade von Beispielen: Sperma, sollten wir einem Vers aus dem Koran glauben, wird nicht von den Hoden produziert, sondern kommt von irgendwo »zwischen Lende und Brustkasten«. Wehe dem Schöpfer, der noch nicht einmal die Anatomie seiner eigenen Kreaturen kennt!

Nicht einmal gut informierte Muslime wissen bislang, dass Allah, der im Koran schwor, »immer sein Wort zu halten«, sein Versprechen nicht hielt, den Koran unangetastet zu lassen. Als ’Uthman, der dritte Kalif, den Koran zusammenstellte, ließ er die drei anderen Versionen, die von berühmten Gefährten Mohammeds gebracht worden waren, beiseite: Ubayy, Ibn Mas’du und ’Ali, der der vierte Kalif werden sollte. Ebenso wenig sind sie sich bewusst, dass ihr Koran den Leuten eine Zeit lang erlaubte, die Götzen der Bewohner Mekkas anzubeten, um diese für sich zu gewinnen.

Die arabischen Intellektuellen von heute scheuen vor jeder Kritik des Islam, der abscheulichsten seiner Dogmen zurück, und sogar vor der Übersetzung oder Veröffentlichung von Büchern, die die Entstehung des Islam aufklären wie Maxime Rodinsons Mohammed. Die wichtigste Erklärung dafür ist die Tatsache, dass die arabische Intelligentsia als ganze einen Pakt mit den linken und rechten Fraktionen der Bourgeoisie geschlossen hat – Fraktionen, die sich gleichen wie ein Ei dem anderen.

In der arabischen Welt stoßen jene, die eigenständig denken und fähig sind, eine Kritik aller heiligen und profanen Mystifikationen auszuarbeiten, auf die politische und religiöse Zensur der gegenwärtigen arabischen Staaten – eine Zensur, die unendlich viel schlimmer ist als unter dem Kalifatsstaat. Es ist eine Tatsache, dass die besten arabischen Poeten und Denker aus den frühen Jahrhunderten des Islam in der gegenwärtigen arabischen Welt nicht existieren könnten – Leute wie Abu Nuwas, der Wein und hübsche Jungen liebte; al-Ma’arri, der radikal antireligiös war; oder sogar al-Jahiz mit seinem freien Stil eines Libertin, der gleichwohl als einer der führenden Denker der Mu’tazalit-Schule galt

Als Beweis betrachte man die Tentakel einer Zensur, die noch nicht einmal die Übersetzungen der Werke aus der Antike und aus modernen Zeiten verschont hat. In Ovids Metamorphosen wurde das Chaos am Beginn der Welt in eine sichere Ordnung Allahs verwandelt. Platos Politeia und Symposium und die griechischen Tragödien und Komödien wurden radikal von allen Hinweisen auf Homosexualität und Bemerkungen gesäubert, die die konventionelle Moral entrüsten. In der Göttlichen Komödie ist Mohammed nicht mehr im achten Kreis der Hölle auffindbar. 1954 sammelte und übersetzte ’Abd al-Rahman Badwi die Artikel der arabischen Freidenker aus dem Mittelalter und gab der Anthologie den Titel Atheismus und Islam. Das Buch wurde rasch aus dem Verkehr gezogen, und man hörte nie wieder von ihm. In Syrien hat die Zensur seit 1971 die Veröffentlichung von Marx’ Die deutsche Ideologie verhindert. Meine eigenen Schriften, die im Libanon vor dem Krieg von 1973 veröffentlicht wurden, sind sonst überall verboten. Manchmal gelingt es ihnen, durch den cordon sanitaire, der sich vom Golf bis zum Atlantik erstreckt, hindurch zu kommen, dank der Praxis des Schmuggelns, nicht immer zu kommerziellen Zwecken.

Diese dumme und totalitäre Zensur ist Teil einer unaussprechlich generalisierten Diktatur. Die einzigen Mittel der arabischen Bourgeoisie, um die Unterentwicklung ihrer Techniken der Lüge in den Massenmedien wettzumachen – ihr Fernsehen ist immer noch nicht glaubwürdig –, sind Schlägermethoden, unter denen die gesamte Gesellschaft leidet. Es gibt keine legalen Mittel, sich selbst zu verteidigen. Selbst die wenigen, von den europäischen Kolonisatoren zurückgelassenen Anzeichen von Demokratie wie die Pressefreiheit, das Parteiensystem, das Streikrecht werden im Namen der sakrosankten ökonomischen Entwicklung abgeschafft. Während er eine Fassade der Verwestlichung beibehält, erinnert der dirigistische arabische Staat sich wieder an das Kalifat.

Im Maghreb stellten sich die Massen angesichts ihres Verlangens nach einem Messias und der Demagogie der nationalistischen Eliten vor, dass die Unabhängigkeit eine Heimkehr sein würde, eine Rückkehr zu ihrer traditionellen Kultur und zu ihrer Gemeinschaftssolidarität, wo »alle Muslime Brüder sind«. Die nationalistischen Eliten, waren sie erst an der Macht, hielten ihre Versprechen natürlich nicht. Für sie bedeutete Unabhängigkeit ihre eigene Unabhängigkeit von den Massen. Schlimmer noch, der post-koloniale Staat verhielt sich ihnen gegenüber mit der gleichen Grausamkeit wie der Kolonialstaat.

In dieser beengenden und dekadenten arabischen Gesellschaft, die keine Perspektive hatte, konnten sich die lächerlichsten Mystizismen entwickeln. Der Kontext jedenfalls war ideal dafür: Er bestand in einer tief greifenden und allgemeinen Fälschung sowohl der gesellschaftlichen wie der persönlichen Beziehungen und im Fatalismus des Islam, der, ist er erst einmal verinnerlicht, eine Person davor bewahrt, sie selbst zu sein, eigenständig zu denken und zu handeln, die Wahrheit des eigenen Schicksals in sich selbst und nicht in Allah zu suchen.

Die Besetzung arabischer Territorien durch Israel verschaffte den Fundamentalisten einen unverhofften Vorwand: Sie konnte als eine »gerechte Strafe Allahs für all jene, die sich von seiner Religion abgewendet hatten«, interpretiert werden.

Die fundamentalistischen muslimischen Sekten, mit dem Glorienschein ihrer Märtyrer von 1956 bis 1966 versehen, schwärmten klandestin aus, vor allem in Ägypten. Schlimmer noch, sie wurden glaubwürdig. Umso mehr, als sie von der Tatsache profitierten, dass der unaussprechliche Autoritarismus der Machthaber praktisch keine Ausdrucksmittel, keine autonome Organisation zuließ. Nur die Moscheen waren vor der Zensur geschützt. Sie wurden Orte, an denen die Massen, deren Reihen durch den Despotismus gelichtet waren, eine politisch-religiöse Indoktrination wiederbelebten.

Dann kam der Oktoberkrieg mit seiner Vorführung intensiver islamischer Propaganda, und der Ölboom, der Libyen und insbesondere Saudi-Arabien in die Lage versetzte, ihre Petrodollars überall an fundamentalistische Gruppen zu verteilen, um linke Extremisten oder pro-sowjetische Gruppen wie in Syrien zu schwächen. Selbst als die modernisierende etatistisch-bourgeoise Fraktion noch glaubwürdig war, diente Saudi-Arabien dem unterdrückten oder verfolgten islamischen Archaismus als Prototyp; und sein Aufstieg in der Folge des Oktoberkriegs, auf den Ruinen von Nassers Ägypten als Führer der arabischen Welt, verschaffte den Bruderschaften des sunnitischen Islam nicht nur mehr Hilfsgelder, sondern auch das Modell eines authentischen Islam. Die Propaganda, die westliche Medien ausspuckten – die Saudi-Arabien als den neuen Giganten mit der Macht über Leben und Tod der westlichen Zivilisation beschrieben –, stimulierte bei Jung und Alt gleichermaßen die nostalgische alte Sehnsucht nach der Rückkehr des Islam zu seiner früheren Stärke.

Äußere Ursachen

Das sind die inneren Ursachen, die die massive Rückkehr zum Islam begünstigen. Es gibt aber auch äußere: den Niedergang des Westens und seinen Versuch, die islamischen Bewegungen auszunutzen.

Der Niedergang des Westens ist offensichtlich geworden. Seine Agonie erschüttert die ökonomische, ethische und ästhetische Ordnung; seine traditionellen Ideologien, die »sozialistische« wie die liberale, sind tot. Kurz, er verfügt nicht einmal mehr für sich selbst über ein realisierbares Zivilisationsprojekt. Die arabisch-muslimische Intelligentsia, die früher ihr täglich Brot verdiente, indem sie die jüngsten kulturellen Moden eben dieser westlichen Zivilisation verbreitete, ist nun auf ihre eigenen Ressourcen und überholten Werte zurückgeworfen. Wie durch irgendeine magische Macht dazu veranlasst, hat sie begonnen, die lang vergessenen Tugenden der gefeierten Rückkehr zur Quelle wieder zu entdecken, die der Pan-Islamismus eines vergangenen Zeitalters verfochten hatte. So stellt Zaki Najub Mahmud, grau geworden im Dienst des amerikanischen Positivismus, am Ende seines Lebens fest, dass er al-turath, das arabisch-islamische Erbe, »beträchtlich unterschätzt« habe, das – schenken wir ihm Glauben – schließlich in der Lage sei, die gute alte arabische Gesellschaft zu regenerieren! Andere wiederum haben plötzlich, mehr als zwei Generationen nach den Dadaisten, den Bankrott des Rationalismus des 18. Jahrhunderts entdeckt, der versprach, die Herrschaft der Vernunft im alltäglichen Leben einzuleiten – eine verspätete Entdeckung jenes Bankrotts, der in den Trümmern der Ersten Weltschlächterei bereits klar ersichtlich war. Wieder andere haben entdeckt, dass Alkoholismus, Drogensucht und Jugendvandalismus, die sich im Westen weit verbreiten, alle dem Niedergang religiöser Gefühle zu verdanken seien, und würden ihre eigene Gesellschaft gern vor diesen Übeln schützen. Kurz, die Tatsache, dass die gesamte arabisch-islamische Intelligentsia, die gestern noch nach Westen schaute, sich nun auf sich selbst zurückzieht, ist Wasser auf die Mühlen des islamischen Fundamentalismus.

Die monotheistischen Religionen entstammen der Asche früherer Zivilisationen. Die gegenwärtige Rückkehr des religiösen Archaismus (die sich, in unterschiedlichen Abstufungen, überall auf der Welt vollzieht) gedeiht auf der Fäulnis »unserer« Zivilisation, die den Menschen ständig an den Tod erinnert und die Apokalypse zu einem täglichen Ereignis macht. Innerhalb einer Generation hat sie zu zwei Weltschlächtereien geführt, die mit 20 und 50 Millionen Toten sowie einigen hundert Millionen Verwundeten und dauerhaft Traumatisierten endeten. Nun wird über einen dritten Weltkrieg geredet. Zwei Großmächte, die USA und die UdSSR, verfügen über ausreichend Nuklearwaffen, um unseren Planeten mehr als fünf Mal zu zerstören. In den industrialisierten Gesellschaften sterben die Menschen an Fettsucht. In der Dritten Welt sterben jedes Jahr 50 Millionen Menschen – von denen 15 Millionen Kinder sind – an Unterernährung, das heißt genauso viele, wie im Zweiten Weltkrieg starben.

Der Westen ermutigt die Rückkehr zum islamischen Archaismus nicht nur durch seinen eigenen Niedergang, sondern mehr noch durch seine Intrigen. Europäer wie Amerikaner sind lange gezwungen gewesen, bei der Unterdrückung embryonaler sozialer Kämpfe in muslimischen Ländern und im Opponieren gegen ihren sowjetischen Rivalen die Hilfe des Islam zu suchen. Darüber hinaus versuchte die SU, Nassers Pan-Arabismus gegen den Westen zu nutzen.

M. Copeland, der frühere Chef der CIA im Nahen Osten, enthüllte in seinem Buch The Game of the Nations, dass die CIA bereits in den fünfziger Jahren begann, die Muslimbruderschaft zu ermutigen, gegen den kommunistischen Einfluss in Ägypten vorzugehen. Dieser Trend ist seither noch ausgeprägter geworden.

Das gleiche Lied hören wir von Giscard d’Estaing, der Mitgliedern seines Kabinetts anvertraute, bevor er im März 1980 das Flugzeug zum Golf nahm: »Um den Kommunismus zu bekämpfen, müssen wir ihm eine andere Ideologie entgegenstellen. Im Westen haben wir nichts. Deswegen müssen wir den Islam unterstützen.« 6 Brzezinski, Chefberater für das Weiße Haus, entdeckt in Religionskriegen noch andere Tugenden: »Die religiösen Unruhen im Nahen Osten könnten einen gemeinsamen Wunsch hervorrufen, eine endgültige Einigung zwischen den Arabern und den Israelis zu finden.« 7 Es ist also klar, dass die Machtergreifung von Khomeinis Doktrin im Iran die westliche Entschlossenheit, den militanten Islam zu manipulieren, keineswegs gemindert hat. Künftige islamische Regierungen würden, besonders am Anfang, schwierige Kunden sein, jedenfalls aber Kunden.

Die Neuordnung der arabischen Welt

Das Bedürfnis des Westens, sich mit dem Islam zu verbünden, ist beträchtlich zwingender, als die kurzen Erklärungen uns glauben machen mögen. Wie in Lateinamerika versucht die amerikanische Bourgeoisie auch in ihrer Einflusssphäre in der islamischen Welt, überholte Diktaturen vom iranischen Typ so weit wie möglich zu demokratisieren. Tatsächlich sind die traditionalistischen kastenähnlichen Diktaturen, der stammesbewusste patriarchale Typ von Regierungen – wie in Saudi-Arabien, den Golf-Emiraten oder anderswo –, der jeden Machtwechsel verbot, unvereinbar mit zwei wichtigen Erfordernissen: der neuen internationalen Arbeitsteilung und der Umgestaltung der Landkarte der arabisch-muslimischen Welt.

Die Umstrukturierung des gesättigten Weltmarkts, die die neue, von den Multinationalen durchgeführte Reorganisation der internationalen Arbeitsteilung verlangt, erfordert wiederum eine Umstrukturierung der politischen Mächte in den betreffenden Regionen, damit sie dort ihre Rolle spielen können. Die führende Technologie, von der die Entwicklung der hoch profitablen Wirtschaftsbereiche der Zukunft abhängt, wie Computer oder Mikroelektronik, wird das Monopol des Westens sein, angeführt von den USA; die veralteten oder umweltverschmutzenden Technologien (Stahl, Schiffbau, Bau), Spezialisierung in einigen Teilen der Landwirtschaft und einigen Zulieferindustrien werden das Los der Dritten Welt sein. Die Eigentümer des Mannas, in Form der Petrodollars, werden die Rolle der internationalen Banker zu spielen haben, um die Projekte zu finanzieren, die die westlichen Experten zur »Entwicklung« gewisser unterentwickelter Länder geplant haben. Die Einführung dieser neuen internationalen Arbeitsteilung ist in der arabisch-muslimischen Welt von der Umgestaltung ihrer Landkarte abhängig.

Die Machtbalance in diesem Gebiet zwischen den Osmanen, den Briten und den Russen, die durch die Folgen des Ersten Weltkriegs durcheinander gebracht worden war, wurde durch eine neue Balance zwischen den Briten und den Franzosen abgelöst. Diese beiden teilten sich die Beute des besiegten osmanischen Reichs. Die Folgen des Zweiten Weltkriegs bedeuteten ihrerseits den Niedergang des britischen und französischen Imperialismus und den Aufstieg des amerikanischen und des russischen Imperialismus. 1920 gab es den Vertrag von Sèvres und 1945 Jalta. Aber nach dem Rückzug der Briten und Franzosen und ihrer Ersetzung durch die Amerikaner und Russen gab es kein maßgebendes Abkommen, das die neue faktische Machtbalance ratifizierte. Die arabisch-muslimische Welt ist ein Schattenreich geblieben, das für alle Rivalitäten offen ist. Die Intensivierung der Weltkrise erfordert nun eine neue imperialistische Aufteilung des Energiemarkts (die UdSSR braucht 18 Prozent des Öls des Nahen Ostens), Zugang zu Rohstoffen und Einflusssphären. Kurz, ein neues Jalta oder Weltabkommen für Öl ist nötig, denn die Alternative ist offenes Feilschen oder offene Konfrontation.

Alle Staaten, abgesehen von Israel und vielleicht Ägypten, werden vermutlich ihre Grenzen zu ändern haben, ihre Bevölkerungen, ihren Namen und, natürlich, ihre Schutzherrn.

Die Landkarte, die aus diesem neuen Jalta entstehen wird, wird vermutlich eine Folge des Aufbrechens der gegenwärtigen Staaten in konfessionelle Ministaaten sein, die dann in Föderationen oder Konföderationen neu gruppiert werden mögen. Der Grundgedanke dieses Versuchs, das arabisch-muslimische Gebiet politisch neu zu strukturieren, wird der Aufstieg der neuen Mittelklassen sein. Infolge des Ölexports und der Verbreitung der Bildung haben sich in beträchtlichem Maß lokale Technokratien entwickelt. Es ist ihr Ziel, an den öffentlichen Angelegenheiten zu partizipieren, die bisher von den tribal-dynastischen Kasten monopolisiert werden. Diese Partizipation, die ein gewisses Maß an Modernisierung der fraglichen Staaten beinhaltet, wird (glauben wir den Spezialisten der Multinationalen und ihren Computern) sowohl autonomen Volksbewegungen wie möglichen pro-sowjetischen coups d’état vorbeugen, sogar in Saudi-Arabien. Aber wie kann dies erreicht werden? In Brzezinskis eigenen Worten durch die Manipulation der »existierenden Kräfte« mit dem Ziel, den überholten sozioökonomischen Status quo zu verändern, bevor dies Moskau zu seinem eigenen Vorteil tut.

Künftig würde es vorzuziehen sein, außer in extremen Notfällen keine militärischen coups d’état zu riskieren. Natürlich waren die Armeen Jahrzehnte lang die Agenten der Veränderung, die der Westen manipulierte, wie er es wünschte; aber die Situation hat sich nun verändert. Vor 30 Jahren waren angesichts der weit verbreiteten Schwäche aller gesellschaftlichen Klassen die Militärs die einzige organisierte Kraft, die in der Lage war, die damals sehr unruhigen schuftenden Massen zu disziplinieren. Dann versagten sie bei ihrer Aufgabe, die Wirtschaft zu modernisieren. Schlimmer noch: Eine Serie von coups d’état – beginnend mit Ägypten, dann in Syrien, Algerien, Libyen und schließlich Äthiopien – hatte in Washington angefangen und in Moskau geendet.

Als die Taktik des coup d’état erschöpft war, dachte der Westen, er habe in den religiösen Bewegungen einen Ersatz gefunden. Diese Bewegungen waren das Sprachrohr der städtischen und ländlichen Mittelklassen und des mystifizierten Subproletariats, das in die Armutsgürtel um die verschwenderischen Hauptstädte drängte. Es ist möglich, dass die Idee nicht darin bestand, den Geistlichen alle Macht zu übergeben, sondern eher die religiöse und säkulare Opposition zu manipulieren, um den Technokraten den Weg frei zu räumen. Würde die Schlacht erst gewonnen sein, würden die Geistlichen zu ihren Schäfchen zurückkehren und sich mit der Verwaltung ihrer Ländereien beschäftigen. (Allerdings ist das Beispiel des Iran nicht allzu ermutigend...) Kurz, die Anachronismen sollten durch moderne, liberale Strukturen mit religiöser Perspektive oder Unterstützung ersetzt werden. Modern bedeutet: in der Lage zu sein, eine Wirtschaft zu errichten, die durch die Zwänge der Marktgesetze mit der des Westens verstrickt ist. Es beinhaltet auch das Vermögen, eine ausreichend ausgerüstete und trainierte, aber eng mit dem westlichen Verteidigungssystem verbundene Armee aufrechtzuerhalten. Es besteht ebenso die Notwendigkeit, die Interessen der Multinationalen im Blick zu haben, deren Beschützer sie sein sollen. Liberal bedeutet: in der Lage zu sein, die parlamentarische Mystifikation und den politischen und gewerkschaftlichen Pluralismus optimal zu nutzen, um die gesellschaftliche Basis des Regimes zu erweitern und zu konsolidieren. Religiöse Perspektive oder Unterstützung bedeutet: das erneute Schmieden der guten alten Allianz zwischen dem Schwert und dem Koran, um jeder Wiedergeburt radikaler sozialer Bewegungen zu begegnen, und, wenn möglich, die muslimischen Republiken in der UdSSR zu destabilisieren. In koranische Begriffe übersetzt, ist es das, was Carter in diesem Gebiet realisiert sehen wollte: »befreundete Regierungen, islamisch und liberal, die die Menschenrechte respektieren«.

Angesichts der auftretenden explosiven Widersprüche, der sich fast überall dem Bankrott nähernden ökonomischen Situation, gibt es keinerlei Sicherheit, dass der Wille des Herrn des Weißen Hauses in Erfüllung geht. Weder die gekrönte Monarchie noch die Republik in Kampfstiefeln war in der Lage, diesen Teil der Welt von seiner chronischen, generellen Krise zu befreien. Wird die Turbanrepublik dazu in der Lage sein?

Nichts ist weniger wahrscheinlich. Die islamischen Bewegungen sind angesichts ihrer gemischten sozialen Basis und insbesondere ihres Mangels an einem auch nur im Entferntesten glaubwürdigen Programm nicht in der Lage, an die Macht zu kommen oder sich dort länger zu halten.

Die Muslimbruderschaft

Der doppelte Misserfolg des ersten Aufstiegs der modernen ägyptischen Bourgeoisie im Jahr 1919, die weder die Unabhängigkeit noch eine konstitutionelle Regierung erzielte; Atatürks Abschaffung des Kalifats im Jahr 1923; der Aufstieg des Faschismus in Italien, der die Mehrheit der traditionalistischen muslimischen Intelligentsia beeindruckte; der Aufstieg des Stalinismus in der UdSSR, der das Interesse der linken christlichen Intellektuellen weckte, die ebenso vom ohnmächtigen Kult der Macht fasziniert waren; schließlich die düstere Zwischenkriegszeit, die vom Gefühl der Niederlage der westlichen, auf dem Kult der Wissenschaft und der Vernunft fußenden Zivilisation beherrscht war – all das schuf eine Situation, die den Einbruch des Irrationalen in die zeitgenössische Geschichte begünstigte.

In diesem Rahmen wurde 1928 in Ägypten die Muslimbruderschaft gegründet, nur einige Monate vor dem Ausbruch der Krise von 1929, die zum Zweiten Weltkrieg führen sollte. Ihr Organisationsmodell fußte sowohl auf esoterischen muslimischen Sekten aus dem Mittelalter wie auf dem modernen Faschismus. Artikel 2 ihrer Statuten legte dar, dass sich die Mitglieder »eiserner Disziplin unterwerfen und die Befehle ihrer Vorgesetzten ausführen« müssen. Ihr charismatischer »Oberster Führer« darf, wie ein Kalif, nicht in Frage gestellt werden. Von ihrer Gründung an zog es die Bruderschaft vor, mit dem Regime an der Macht zusammenzuarbeiten. So arrangierten sie sich sogleich mit der Regierung der »eisernen Hand« von Muhammad Mahmud, dann mit der des Diktators Isma’il Sidqi und sogar mit der Suez Canal Company – die der Bruderschaft 500 Pfund spendete, auf dass sie den Überschwang der Jugend der säkularen Wafd-Partei dämpfe, die zu jener Zeit mit den Briten gebrochen hatte. (Die Bruderschaft war die einzige ägyptische Gruppe, die eine Zeitung hatte.)

Mit ihren nostalgischen Aufrufen zur Wiederherstellung eines Goldenen Zeitalters des Islam, mit ihren Emblemen der gekreuzten Schwerter und des Koran, die das morbide Ideal der Praxis des Todes perfekt symbolisierten, lockten die Muslimbrüder einen relevanten Teil der frustrierten kleinbürgerlichen Jugend an, die schrecklich unterdrückt, von allen möglichen Ängsten geplagt und jeder vergnüglichen Aktivität feindlich war. Kurz, der Palast und die Briten nutzten die Bruderschaft als Betäubungsmittel.

Während des Zweiten Weltkriegs unterstützte die Bruderschaft trotz ihrer Sympathien für die Achsenmächte die Alliierten, anscheinend aus taktischen Gründen. In der Tat konnte sie die Moscheen für ihre Propaganda nutzen und sich vor allem in den Schulen und auf dem Land etablieren.

Als ein Ergebnis ihrer wahrhaft machiavellistischen Taktik wurde die Organisation der Bruderschaft in weniger als 13 Jahren die gewaltigste Massenpartei. 1941 verbündete sie sich mit den Sa’disten, der Partei an der Macht, die dem Palast nahe stand. Kaum war diese aus dem Harem vertrieben, schloss sich die Bruderschaft ohne das geringste Zögern mit ihrem Rivalen und Nachfolger, der Wafd, zusammen. Als die Wafd ihrerseits aus dem Amt flog, verbündete die Bruderschaft sich erneut mit den Sa’disten, die ihnen tatsächlich erlaubten, eine paramilitärische Organisation, al-Jawwala, mit 20 000 Mitgliedern zu gründen. Später ging sie ein Bündnis mit dem Nationalen Komitee der Studenten und Arbeiter ein, an dessen Spitze die Kommunisten standen. Wenig später stellte sie sich gegen das Komitee, indem sie die Regierung des berüchtigten Sa'distenführers Ismaìl Sidqi unterstützte. Aber kurz vor den Wahlen kündigte dieser sein Bündnis mit der Bruderschaft auf, die mittlerweile eine halbe Million Mitglieder und Sympathisanten zählte. Im Dezember verbot Regierungschef al-Naqrashi die Bruderschaft, weil er den Verdacht hegte, sie wolle die Macht übernehmen. Ihre Antwort erfolgte unverzüglich. Al-Naqrashi wurde von einem Medizinstudenten, einem Mitglied der Bewegung, ermordet. Ein ganzes Jahr lang manövrierten die Machthaber Hassan al-Banna’, den Obersten Führer der Bruderschaft, von einem Kompromiss zum andern, bis er seine eigenen Anhänger verleugnete, indem er öffentlich erklärte: »Sie sind keine Brüder und noch weniger Muslime«. 1949 wurde er schließlich getötet. Sein Nachfolger Hasan al-Hudaibi, ein Magistrat, verbündete die Bruderschaft erneut mit dem Palast und wurde sogar feierlich von König Faruq empfangen, der in seiner Anwesenheit und mit seiner Zustimmung erklärte: »Da die Briten Ägypten bald verlassen werden, ist unser einziger Feind jetzt der Kommunismus.« Aber als Faruq 1952 von Nasser gestürzt wurde, unterstützte die Bruderschaft diesen mit der gleichen Inbrunst. Allerdings dauerten die Flitterwochen nicht lange. Als Nasser beschloss, das Landeigentum auf 200 Morgen zu begrenzen, schlug die Bruderschaft die Zahl von 500 vor und forderte gleichzeitig, die neue Regierung solle sich verpflichten, die Gesellschaft und den Staat zu re-islamisieren. 1954 versuchte sie, den Ra’is zu ermorden. Die Bruderschaft wurde aufgelöst. 1959 wurde sie klandestin wieder aufgebaut, und 1965 erneut enthauptet. Sadat, selbst ein früheres Mitglied der Bruderschaft, erlaubte ihr, 1972 wieder aufzutauchen und eine Zeitschrift herauszugeben, al-Da’wa (Der Sermon). Ebenso wurde die Muslimische Internationale, in den dreißiger Jahren von al-Banna’ gegründet, in Kairo wieder aufgebaut. Über sie leitete Ägypten, unter anderen, Hilfe an die bewaffnete Avantgarde, die Mujaheddin, die gegenwärtig gegen das syrische Regime kämpfen.

In den Schriften der Bruderschaft glänzt jedes Gesellschaftsprogramm durch Abwesenheit. Al-Banna’ rechtfertigte seine Weigerung, ein Programm zu entwerfen, mit seinem Wunsch, »die Möglichkeit eines großen Schismas zwischen den verschiedenen muslimischen Riten und Konfessionen zu vermeiden«. Als eines schönen Tages die Führer der paramilitärischen Organisation der Bruderschaft ihn informierten, dass sie in der Lage seien, die Macht zu ergreifen, forderte er sie auf, ihm innerhalb einer Woche ein islamisches Radioprogramm für die erste Woche des Staatsstreichs vorzulegen – eine Aufgabe, die zu erfüllen sie unfähig waren.

Nach dem Tod des Führers war es an Mohammed al-Ghazali, einem Ideologen der Bruderschaft, das Unternehmen zu wagen, ein Programm zu schreiben. In seinem Buch Islam and the Economic Orders widmet er ein ganzes Kapitel der »in der Mitte angesiedelten ökonomischen Ordnung« des Islam. Nachdem er »diesen Juden, Marx«, mit ein paar Worten abgefertigt hat, enthüllt er uns das Geheimnis der islamischen Wirtschaftsordnung, »die allein die Menschheit zu retten vermag«. Worin besteht diese Ordnung? »Es ist die Wirtschaftsordnung«, schreibt er, »die im faschistischen Italien und in Nazideutschland eingeführt wurde und die noch immer in Großbritannien gilt, dank der Kontrolle des Staates über die großen Firmen, an denen er 50 Prozent der Aktien hält«. 8 Offensichtlich ist die »islamische Wirtschaft« einfach Staatskontrolle und Militarisierung der Ökonomie, wie sie seit dem Ersten Weltkrieg praktiziert werden. Sayyid Qutb, ein etwas feinsinnigerer Denker der Bruderschaft, hat kein Vertrauen in irgendein Programm. 1964, ein Jahr vor seiner Exekution durch Nasser, veröffentlichte er seinen Schwanengesang, dessen Titel wie ein Aufruf zur Re-Islamisierung einer abtrünnigen Gesellschaft durch das Schwert klingt: Die Jahiliya des 20. Jahrhunderts (Jahiliyat al-qarn al-'ishrin). Die Jahiliya, die Periode vorislamischen Heidentums, wird gewöhnlich als »unzulässig permissiv« dargestellt, voller joie de vivre und mit keiner anderen Ethik als Liebe, Wein und Jagd. Und Qutb sagt: »Gebt uns Macht und ihr werdet sehen: Wir werden jede Spur dieses Heidentums auslöschen.«

Islamische Organisationen in anderen Ländern erwiesen als gleichermaßen unfähig, ein Programm für ihren islamischen Staat auszuarbeiten. 1972, als die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate Hasan al-Turabi einlud, den Obersten Führer der Bruderschaft im Sudan, eine islamische Verfassung zu schreiben, war seine Antwort zunächst negativ – »Das ist eine schwierige Aufgabe«, sagte er. Aber sie wollte sich mit einem »Nein« nicht zufrieden geben, und mit der Hilfe der Petrodollars schaffte er es schließlich. Das war die Verfassung, die es Shaikh Zaid Ibn Sultan erlaubte, der absolute Boss von Abu Dhabi zu sein.

Nicht einmal die syrischen Muslimbrüder haben es geschafft, ein hart bedrängtes Minderheitsregime, mit dem sie offen im Krieg standen, zu stürzen, trotz umfangreicher Hilfe von Jordanien, Saudi-Arabien und anderswo – hauptsächlich weil sie unfähig sind, ein Programm aufzustellen, mit dem man die anderen dem Regime feindlichen Kräfte anlocken könnte.

Meiner Meinung nach ist das die offene Anerkennung der historischen Unmöglichkeit, einer Welt, die von der Warenproduktion und ihren Folgen vereinheitlicht wurde und zu einer anderen Ordnung treibt, in der die Religion keinen Platz hat, für längere Zeit eine islamische Gesellschaft zu implantieren.

Rückkehr wozu?

Angesichts ihrer Unfähigkeit, die unterdrückten Massen mit einem Programm anzusprechen, das irgendeinen Sinn ergibt, haben sich die Fundamentalisten – vollkommene Demagogen, die sie nun einmal sind – für den einfachen Slogan der Rückkehr zum primitiven Islam entschieden, den Islam der vier al-Rashidun, der »richtig geleiteten« frühen Kalifen, die sich angeblich durch ihre strikte Achtung des Koran sowie der Prozedur, den kommunalen Rat der Gläubigen zu konsultieren, von all ihren Nachfolgern unterschieden. Al-Afghani spricht sogar von einer Rückkehr zur Ära des freizügigen Kalifen Harun al-Rashid, als der Islam, mehr als in jeder anderen Periode, die Rolle einer bloßen Staatsideologie spielte. Folglich geht es um die Rückkehr zur imperialen Macht des Islam, nicht aber zu einem Islam, der seine Dogmen respektiert.

Es ist offensichtlich, dass der Koran, die transhistorische Verfassung der islamischen Ummah, nie vollständig respektiert wurde, nicht einmal von den vier Kalifen. Mohammed zögerte nie auch nur einen Augenblick, Verse zu streichen, die durch die Entwicklung seiner Sermone oder die Anforderungen seiner Bündnisse anachronistisch geworden waren. So wurde der bekannte Vers aus Mekka zugunsten der mustad’afin (die Unterdrückten) durch einen anderen Vers ersetzt, der die Besitzenden favorisiert: »Und Allah hat die einen von euch im Unterhalt vor den anderen ausgezeichnet.« Mohammed allerdings hatte ein wasserdichtes Alibi – beanspruchte er nicht, in Kontakt mit Allah selbst zu sein, dessen Akte unergründlich sind?

Die Periode der vier Kalifen war keineswegs das »Goldene Zeitalter«, das die zeitgenössische Legende ausmalt. Es gab grausame Kämpfe um die Macht: Von den vier »recht geleiteten« Kalifen starb nur einer, Abu Bakr, eines natürlichen Todes – und sein Kalifat war extrem kurz. Die drei anderen wurden ermordet: ’Umar von einem persischen Sklaven; ’Uthman von den Händen eines von Abu Bakrs eigenen Söhnen, ’Abd al-Rahman; und ’Ali durch Muslime, die ebenso gläubig waren wie er selbst. Weniger als 37 Jahre nach Mohammeds Gründung des ersten arabisch-muslimischen Staats in Medina zerbrach die Gemeinschaft der Gläubigen, die er immer aufgerufen hatte, im Glauben und im Gesetz in einem monolithischen Block vereint zu bleiben, in zwei Gruppen, die Todfeinde waren.

Seit dem Kalifat von Mu’awiya, dem fünften Kalifen, und der Konsolidierung der erobernden Arabo-Muslime als einer herrschenden Klasse wurde der Koran regelmäßig von den Kalifen des Islam mit Füßen getreten, die ihn nur als eine Art Geschichtsphilosophie, eine Staatsideologie benutzten, um die Redistribution von Macht und Gütern zu rechtfertigen.

Die Schiiten forden keine Rückkehr zu den Zeiten der vier Kalifen. Abu Bakr, ’Umar und ’Uthman werden als »Usurpatoren« beschrieben. In der Tat mochte ’Ali ihnen nicht Gefolgschaftstreue schwören und lehnte ihre Herrschaft ab. Und wenn sich ’Uthman im Machtkampf gegen ihn durchsetzte, dann aus dem Grund, dass er sich weigerte, dem Beispiel von Abu Bakr und ’Umar zu folgen. Zudem waren die Rebellen, die ’Uthman ermordeten, mit ihm im Bunde.

Iran

Eine Rückkehr zu den Zeiten ’Alis – von Anfang bis Ende eine Periode des offenen Bürgerkriegs – würde eine Rückkehr zu den unruhigsten Zeiten in der gesamten Geschichte des Islam bedeuten. In dieser Hinsicht hat der Iran Erfolg gehabt.

Einige islamische Ideologen sind der Ansicht, dass der Islam in Khomeinis Iran die Grenzen des wahhabitischen Reformismus, mit seinem Pan-Islamismus und seinem Credo des Jihad, gesprengt hat und seine höchste Entwicklungsstufe erreicht hat: die revolutionäre Stufe. Intellektuell unfähig, ihre eigene Periode zu verstehen, realisieren sie nicht, dass Khomeinis Doktrin in einer Periode, in der die Revolution nur sozial sein kann, kein Projekt beinhaltet, das in irgendeiner Hinsicht fortschrittlich ist.

Im Gegenteil, im Iran kann sich der Islam dazu beglückwünschen, fünf Jahrhunderte zu spät den Anschluss an das Europa der Inquisition gefunden zu haben. Kürzlich hat sich das Staatsoberhaupt Bani Sadr in seiner Inquilab Islami gefragt: »Ist es wahr, dass an der Universität ein Tribunal wie von der Inquisition eingerichtet wurde?« Aber die Heilige Inquisition wurde von Anfang an im ganzen Land eingerichtet, unter dem Bischofsstab eines blutrünstigen Psychopathen, Ayatollah Khalkali.

Diese Inquisition ist nicht das Werk der Islamisch-Republikanischen Partei allein, sondern aller an der Macht. Sie sind unfähig, mit der Krise umzugehen, und können nur auf Appelle zur Austerität und gewaltsame Unterdrückung zurückgreifen. Die iranische Arbeiterklasse hat 70.000 Mitglieder in dem Kampf verloren, den Schah loszuwerden. Ihre einzige Belohnung ist eine mittelalterliche religiöse Diktatur plus die Schrecken der Inflation (70 Prozent) und der Arbeitslosigkeit (vier Millionen Arbeitslose) sowie die Erniedrigung des öffentlichen Auspeitschens für den simplen Akt, ein Bier zu trinken, oder als Frau an einem Strand zu baden, der für Männer reserviert ist. Den zwei Millionen Drogenabhängigen, meist in Südteheran ansässig, wurden sechs Monate gegeben, um ihre Angewohnheit aufzugeben – andernfalls werden sie exekutiert.

Dieser Todeskult mag viele Jugendliche aus der Mittelschicht faszinieren, die Opfer emotionaler Blockaden sind und Furcht vor Freiheit und libertären Wegen haben. Er ist allerdings keine Lösung angesichts der realen Probleme, die die Grundlagen der iranischen Gesellschaft erschüttern.

Eine Person wie Khomeini, der an historischer Sklerosis leidet – und sich in seinem Buch Der islamische Staat mit so ernsten Problemen beschäftigt wie der Unzucht eines armen Muslims mit einem armen Esel –, der unfähig ist, eine iranische Bourgeoisie zu schaffen, kann nur in den amerikanischen Schoß zurückkehren oder unter sowjetischen Einfluss fallen. »Wir sind heute weniger unabhängig«, gestand Bani Sadr ein, »als wir unter dem Schah waren. Unser Budget hängt von den Krediten ausländischer Banken ab. Unsere Abhängigkeit von Waffen und ausländischen Militärexperten ist ganz einfach tragisch.« 9 Hat Bani Sadr, der spirituelle Sohn des Imam, schließlich begriffen, dass der Iran in einer Welt, die durch die Grausamkeit der Marktgesetze vereint ist, nicht unabhängig sein kann, ob es dem Imam, sei er anwesend oder verborgen, nun gefällt oder nicht? Hat er verstanden, dass der Koran auf einem Gebiet kapitaler Bedeutung nicht angewandt werden kann: dem Bankensystem? Vor dem Abgang des Schah hat dieser islamische Ökonom jenen, die ihm zuhören wollten, ruhig versprochen, er werde das Bankensystem abschaffen, »weil es unvereinbar ist mit dem Zinsverbot im Koran«. Hat er nun bemerkt, dass diese Abschaffung die Erfüllung von 19 Bedingungen erfordern würde, was 19 Jahre dauern würde? Offensichtlich ist die Kapitallogik stärker als alle Verbote aller Religionen.

Die Mittelklassen, die Khomeinei anfangs in dem Glauben verherrlichten, in ihm hätten sie die universelle Wunderkur gefunden, wenden sich nun in Erwartung eines coup d’état von ihm ab. Das Subproletariat, das ihm als Kanonenfutter diente, leidet nunmehr stärker als je zuvor unter der Repression Khalkalis. Das Proletariat steht in den Betrieben in einem permanenten Kampf gegen die Interventionen der Islamischen Komitees und unterbricht seine offenen Streiks nur, um seinen ständigen Bummelstreik wieder aufzunehmen.

Im Gegensatz zu dem, was die islamische Propaganda behauptet und was viele Linke im Westen glauben, stellt der Iran von heute keine Neubelebung des Islam dar, sondern seinen Schwanengesang. Nur fehlt ihm jede Schönheit.

Ein neuer Islam?

Das Trugbild eines neuen Islam, dem viele Leute verfallen sind, beginnt sich nunmehr aufzulösen. Das Erwachen der »einfachen Leute« könnte fatal für ihn sein. Tatsächlich sind die »einfachen Leute«, wenngleich von der Plage des koranischen Fatalismus befallen, überall mit diesem allzu abstrakten Allah unzufrieden – der zu weit entfernt und zu unergründlich ist, um in ihrem Alltagsleben eine Rolle zu spielen. Deshalb schätzt der gewöhnliche Muslim, sowohl in Afrika als auch in Asien, Fetische, Amulette, Marabuts und Gräber so sehr, helfen sie ihm doch, mit dem Leid des alltäglichen Lebens umzugehen, seine Krankheiten zu heilen und die Zukunft vorherzusagen. Dieser demütige Muslim erscheint, sind die erste Überraschung und Begeisterung verflogen, unwillig und gar widerständig gegen eine wörtliche Einführung der koranischen Barbarei, die ihn zu Askese, Kastration, Auspeitschung und Steinigung verdammt. In einem Augenblick der Offenheit hat Hasan al-Banna’ 1947 den Muslimbrüdern gestanden, seiner Meinung nach werde das erste Hindernis auf ihrem Weg zur Re-Islamisierung der säkularen muslimischen Gesellschaft in der Feindseligkeit der Bevölkerung bestehen. »Ich muss Euch sagen, dass euer Predigen für die Mehrheit immer noch ein Buch mit sieben Siegeln ist. An dem Tag, an dem sie dies entdecken und bemerken, worauf es zielt, werden sie gewalttätig Widerstand leisten und sich euch hartnäckig widersetzen.« Er fügte hinzu: »Zuerst werdet ihr der Unwissenheit der einfachen Leute hinsichtlich der Wahrheit des Islam begegnen müssen.« 10 Tatsächlich ist der Islam für die Bevölkerung eher eine Zuflucht als eine Ansammlung tödlicher Dogmen – siehe zum Beispiel die öffentliche Missachtung des Fastengebots während des diesjährigen Ramadan in Ländern wie Ägypten oder Iran, wo der islamische Diskurs herrscht.

Die Rückkehr zum islamischen Archaismus ist Teil des Prozesses der totalitären Uniformierung aller Aspekte des kulturellen Konsums. Jenseits der Grenzen des dominanten Modells – das des Islam für die Muslime und des Christentums für die Christen, das des Judaismus für die Juden und das der Medien für alle – ist das Denken verboten. Es gibt keinen Raum für die freie und kritische Reflexion. Die Willkür in Khomeinis Iran greift sogar in die freie Kleidungswahl der Frauen und die Essensgewohnheiten der gesamten Bevölkerung ein.

Unter der Herrschaft einer merkantilen Zivilisation, die jeden Tag mehr zur Verarmung führt und auf ihre eigene Weise bigott ist, wird jede Schöpfung notwendigerweise häretisch. Wenn der Moralismus eines Khomeini die Norm wird, kann jede Reflexion und jeder »abnormale« Akt nur bestraft werden.

Jenseits seiner exemplarischen Bestrafungsmethoden hat der islamische Archaismus nichts Neues anzubieten. Er scheint mir Teil des Auflösungsprozesses des Staats in einer Welt zu sein, die unregierbar wird. Würden die islamischen Bewegungen in der Folge des Scheiterns und erwartbaren Sturzes des »Khomeinismus«** die Macht ergreifen, könnten sie die islamische Welt, die ohnehin schon von Krise, Terrorismus und offenem oder verdecktem Bürgerkrieg geplagt ist, nur noch weiter destabilisieren. Doch es ist offensichtlich, dass der islamische Archaismus nicht an die Macht kommen oder auf annehmbare Weise an der Macht bleiben kann. Seine Kraft ist schon verbraucht, bevor sie sich entfaltet.

Nach dem Tod Gottes, sagt Nietzsche, sei es das Schwierigste, seinen Schatten zu überwinden. Dieser finstere Schatten ist eine dumme und verdummende Gesellschaft, die die Religion und das Spektakel hervorbringt und am Leben hält; eine Gesellschaft der Ausbeutung, radikalen Entfremdung, des emotionalen Leidens, der Einsamkeit, Unsicherheit, des Verfalls, der generalisierten Passivität, der Repräsentationen, die nichts repräsentieren als sich selbst, der Verschwendung und der Unterernährung, der Furcht und des Kriegs. Wenn die Religion der Seufzer der unterdrückten Kreatur ist, wird sie aufhören zu existieren, wenn diese Kreatur nicht länger unterdrückt, sondern die Schöpferin ihrer eigenen täglichen Geschichte ist. ■

Zuerst erschienen in Khamsin: Journal of Revolutionary Socialist of the Middle East, Heft 8 (1981). Aus dem Englischen übersetzt von Bernd Beier.

Anmerkungen des Übersetzers:

* Im Original modernism: schillernder Begriff, er bedeutet meist »Modernität«, aber auch eher pejorativ »Kult des Neuen für das Neue, seine Fetischisierung« (Henri Lefèbvre). Das gleiche gilt für das vom Autor in der Folge verwendete Adjektiv modernist, das je nach Kontext mit modern, modernisierend, modernistisch übersetzt wurde.

** Im Original Khomeinism: die theologischen und politischen Doktrinen Khomeinis, insbesondere die velayat e-faqih (Statthalterschaft des Rechtsgelehrten), welche die »Islamische Republik Iran« prägen und den von der Geistlichkeit beherrschten Institutionen gegenüber den gewählten die Vorherrschaft sichern.

  • 1. Einen aufschlussreichen Essay über »Khamsin«, in dem auch Lakdhar näher vorgestellt wird, hat Lutz Fiedler geschrieben: Der letzte Winter des Internationalismus. Vergangene Utopien einer jüdisch-arabischen Gegenwart im Nahen Osten, in: Nicolas Berg u.a. (Hg.), Konstellationen. Über Geschichte, Erfahrung und Erkenntnis, Göttingen 2011, S. 403-426.
  • 2. Siehe meine Broschüre »The position on religion« (arabisch), Dar al-Tali’a, Beirut 1972
  • 3. Das Zirkular von Husain Ibn ’Ali, Führer der Revolte, in M. Atias, Die große pan-arabische Revolution (arabisch), Damaskus, 1978
  • 4. Wiedergegeben von Sadat, siehe al-Ahram, 4. September 1980
  • 5. Das ist das Ende dessen, was das erste Flugblatt der Muslimbruderschaft in Ägypten zu sein scheint, Juli 1967.
  • 6. »Der Präsident im Land der 1001 Quellen«, in Le Canard enchainé, 8. März 1980
  • 7. Erklärung, abgedruckt in der tunesischen Tageszeitung al-Sabah vom 6. Februar 1980.
  • 8. Der Islam und die Wirtschaftsordnungen (arabisch), Dar al-Kitab, Beirut, S. 62 f.
  • 9. Die Beiruter Tageszeitung al-Anwar, 24. September 1980
  • 10. »Aussprüche des Märtyrers Hasan al-Banna«, ein von Ibad al-Rahman (die libanesische Bruderschaft) veröffentlichtes Pamphlet, Beirut, 1960