Pannekoek in Bad Godesberg

04. Mär 2015

Im Juli 2013 wurde die erste Ausgabe des Magazins »Mole« vom Bündnis »Ums Ganze« herausgegeben. Darin enthalten waren die Texte "Kampf für das Gemeinsame – der (Post-)Operaismus als Interventionsstrategie für die Radikale Linke", der den "Postoperaismus" als linken Praxis-Ratgeber in Dienst nimmt, sowie "Über Kinderkrankheiten und roten Jakobinismus", der für einen modernisierten Rätekommunismus ohne Parlamentarismuskritik wirbt. Die Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft haben die hier vorliegende Kritik an diesen beiden Texten geschrieben, die in der zweiten Ausgabe der »Mole« in einer abgeänderten Form erscheint.

Es ist nicht lange her, da galt jede Rede von sozialen Kämpfen, gerade von solchen der Lohnabhängigen, vielen Linksradikalen als Ausdruck von Sozialromantik, »Traditionsmarxismus« oder auch »verkürzter Kapitalismuskritik«. Unverdaute Kapital-Lektüre und nachvollziehbarer Unmut über die deutschen Zustände flossen dabei oft zu der Überzeugung zusammen, wer von Klassen rede, mache sich gar einer letztlich den Antisemitismus befördernden »Personalisierung« schuldig, so als seien das Ressentiment gegen »die Bonzen« und die Kritik der Klassengesellschaft dasselbe (und als müsse es früher oder später Juden treffen, wenn gegen »die Bonzen« gewettert wird). Der trotzig hochgehaltene »Kommunismus« verflachte zum Signalwort, mit dem man sich seiner Identität als ein außerhalb und über der verblendet-verblödeten Normalbevölkerung stehender Kritiker versicherte, anstatt in deren Mitmachen die eigene Angepasstheit wiederzuerkennen, sich also einzugestehen, dass man meistens ein genauso pflegeleichter Arbeitskraftverkäufer ist wie die doofen Arbeiter und auch keinen Schimmer hat, wie man es anders machen könnte. Es wurden melancholische Traktate verfasst: »Die Klasse ist tot«; »Heute kann die Zukunft nicht mehr gefunden werden in den Momenten der Gegenwart, die über diese hinausweisen«.1 Kaum war jedoch die Gegenwart zum fugendichten Verhängnis erklärt worden, kam das Jahr 2011, das Jahr der Aufstände in der arabischen Welt, der Platzbesetzungen von Oakland über Madrid bis Tel Aviv, der südeuropäischen Unruhen und Generalstreiks, und ein Sinneswandel setzte ein, schien die Wirklichkeit doch plötzlich wieder zu einem Gedanken zu drängen, den man offenbar voreilig verworfen hatte.

Deutlich wird dieser Sinneswandel auch in der ersten Ausgabe von Mole. Hatten dessen Herausgeber noch vor kurzem in einer Grundsatzerklärung die Lohnabhängigen in trauter Eintracht mit Unternehmen und Staaten unter der schlecht-abstrakten Rubrik der »Konkurrenzsubjekte« abgeheftet und als revolutionsuntauglich ausgemustert, indem sie z.B. die Kriegsunterstützung ab 1914 als Ausdruck einer »objektiven Verstaatlichung« der Arbeiter werteten, ohne auf die weltweiten proletarischen Erhebungen der Jahre 1917ff. einzugehen2, so befasst sich nun Mole u.a. mit dem Rätekommunismus der 1920er Jahre sowie mit dem, was dort »(Post-)Operaismus« genannt wird. Beide Texte erinnern somit an historische Strömungen, die in Opposition zur vorherrschenden Arbeiterbewegung bemüht waren, die Klassenkämpfe zur Revolution zu eskalieren, beide scheitern aber an der Frage nach der Aktualität dieser Bemühungen. Im ersten Fall folgt auf eine geschichtliche Skizze des Rätekommunismus überraschend ein Schwenk zu genau den Auffassungen, die dieser mit Grund bekämpft hatte: zu Hoffnungen in Gewerkschaften und parlamentarische Linksparteien, zum Plädoyer für eine »Doppelstrategie« des Wirkens inner- wie außerhalb der bestehenden Institutionen. Im zweiten Fall herrscht von vornherein große Verwirrung, weil das um das Zauberwort »Multitude« kreisende Denken namentlich Antonio Negris als geglückte Fortsetzung des Operaismus der 1960er und 1970er Jahre verhandelt wird. Im einen wie im anderen Fall scheint die Hinwendung zu den heutigen Kämpfen und Protesten merkwürdigerweise nur um den Preis einer Aufgabe von Einsichten zu haben sein, die gerade auch von Rätekommunisten und Operaisten formuliert wurden. Was folgt, ist eine Kritik dieser Texte im Bemühen, an beide Strömungen im Bewusstsein ihrer historischen Entfernung anders anzuknüpfen.

Rätekommunistische Hinterlassenschaften

Mit den Rätekommunisten beginnt die Geschichte eines marxistisch inspirierten Linksradikalismus, der eine Trennlinie zwischen politischer und sozialer Revolution zieht. Sie waren insofern orthodox, als sie die heute vorschnell als fortschrittsgläubig oder eurozentristisch abgetane Erkenntnis geltend machten, dass die Umwälzung der Gesellschaft einer bestimmten Höhe der Produktivkraftentwicklung bedarf, auf der die Masse der Bevölkerung in Lohnabhängige verwandelt ist und mehr als eine bloße Umverteilung des Mangels denkbar wird. Dadurch konnten sie das bolschewistische Unternehmen in Russland früher als die meisten anderen als nachholende Modernisierung einer bäuerlich-rückständigen Gesellschaft mit staatskapitalistischen Mitteln entziffern; ihre Thesen über den Bolschewismus (1934) zählen bis heute zu den aufschlussreichsten Texten zum Thema, weil sie ohne Verratsvorwürfe auskommen und strikt materialistisch argumentieren. Anders als in Russland schien im Westen tatsächlich die Aufhebung des Kapitalismus möglich, aber ebenfalls nicht von den Kommandohöhen des Staates aus, durch ein allmähliches Hinüberwachsen in den Sozialismus, sondern nur durch die massenhafte Aktion der Arbeiter selbst, die sich in Form von Räten direkt der Produktionsmittel bemächtigen und die Gesellschaft verwalten. »Die alten Losungen von der Abschaffung der Klassen, der Abschaffung des Lohnsystems, der Abschaffung der kapitalistischen Produktion waren nicht länger Losungen, sondern wurden zu den unmittelbaren Zielen der neuen Organisationen.«3 Mit solchem Radikalismus verfielen die Rätekommunisten nicht in ein im schlechten Sinne utopisches Denken. Die Räte waren eine historische Realität, spontan in den Klassenkämpfen entstanden und von den Rätekommunisten gedanklich zur klassenlosen Gesellschaft verlängert. Um die in ihnen liegenden Möglichkeiten zu realisieren, war ein Bruch mit der bisherigen Arbeiterbewegung notwendig, die in Gestalt von Gewerkschaften und auch von marxistischen Parteien, wie sich 1914 drastisch gezeigt hatte, in den Staat hineingewachsen und auf einen gedeihenden Kapitalismus angewiesen war. In Deutschland war die Entscheidung zwischen bürgerlicher Nationalversammlung und Räteherrschaft einen Augenblick lang tatsächlich offen; diese verpasste Chance bildete gewissermaßen das Zentrum des rätekommunistischen Denkens.

Der kurze Sommer des Rätekommunismus liegt fast hundert Jahre zurück. Nach dem Ersten Weltkrieg bildeten die Rätekommunisten eine Weile den bewusstesten Ausdruck der radikalsten Tendenzen in den Arbeiterkämpfen, bevor sie zusammen mit diesen als bedeutsame Strömung von der Bildfläche verschwanden und auf kleine Zirkel zusammenschrumpften, die sich ihrer auf Kritik und Propaganda beschränkten Rolle bewusst waren und nicht zu Keimzellen einer neuen Internationale aufplusterten. Geblieben sind ein Haufen kluger Schriften vor allem über die alte Arbeiterbewegung und die neuen Kämpfe der Zwischenkriegszeit – von der Novemberrevolution bis zum Spanischen Bürgerkrieg –, über das Staatsproblem und die Krisentheorie, die russische Misere und die bolschewistisch-leninistische Sackgasse, die um 1968 neu entdeckt wurden und auch heute noch mit Gewinn zu lesen sind. Zum Beispiel hat sich in der deutschen Linken das Gerücht etabliert, dass die Kritik des Nationalismus, auch und gerade des linken, eine Erfindung der 1990er Jahre sei. In Wirklichkeit findet man sie bereits bei den Rätekommunisten, die mit der KPD auch in dieser Hinsicht schonungslos abrechneten und sich im Übrigen keinen Illusionen über seine Wirkungsmacht unter den Arbeitern hingaben. Ferner führte die Überzeugung, nicht das geschickte Agieren von Spezialisten der Politik, sondern die massenhafte Praxis der Arbeiter entscheide über das Schicksal der Revolution, besonders in den Schriften von Otto Rühle über das eng Ökonomische hinaus zu Fragen von Psychologie und antiautoritärer Pädagogik. Mit der rätekommunistischen Kritik des Staatssozialismus munitionierten sich in den 1960er Jahren die wenigen Linken, die weder in China noch Kuba ein Modell der befreiten Gesellschaft erkennen konnten und sich der neulinken Verklärung antikolonialer, im Kern bürgerlich-nationalistischer Bewegungen wie dem Vietcong verweigerten (dass die marxistische Linke im 20. Jahrhundert den »klassenreduktionistischen« Fehler begangen habe, allein die Arbeiter als revolutionäres Subjekt auszurufen, ist ebenfalls ein Gerücht; die Bolschewiki stellten den Proletariern aller Länder die »unterdrückten Völker« zur Seite, was sich im Gros der Neuen Linken zu einem blinden Kult um alle bewaffneten Bewegungen in der Dritten Welt steigerte). Heute könnte man diese Kritik den Parteigängern der venezolanischen Regierung empfehlen, aber die sind erfahrungsgemäß nicht lernfähig.

Der wilde Generalstreik in Frankreich 1968 und die autonomen Fabrikkämpfe besonders in Italien gaben noch einmal der Hoffnung auf eine zur sozialen Revolution treibende Selbsttätigkeit der Arbeiterklasse Auftrieb, aber daraus wurde bekanntlich nichts. Was sich seitdem und natürlich erst recht seit der Blütezeit des Rätekommunismus vor allem geändert hat, ist der Charakter der lohnabhängigen Klasse, die heute nicht nur absolut, sondern auch als Anteil an der Bevölkerung größer ist denn je, aber zumindest in den alten Metropolen nicht mehr in Gestalt jenes Arbeitermilieus existiert, auf das die Rätekommunisten sich stützten.4 Dass autonome Betriebszellen das entscheidende Scharnier zwischen Gegenwart und kommunistischer Zukunft bilden könnten, ist in einer Ära völliger Zersplitterung der Gesamtarbeiterin einerseits, uferloser Zunahme idiotischer bis gemeingefährlicher Jobs andererseits nicht länger plausibel. Die Klasse der Lohnabhängigen war schon immer bunt zusammengesetzt, aber die für den Rätekommunismus wesentlichen Großfabriken, in denen Massen von Arbeitern konzentriert waren, prägen ihre Gestalt als Ganze heute deutlich weniger als damals. Vor allem legen sich um die produktiven Kerne heute gewaltige Massen von Menschen, die zwar proletarisiert, aber zugleich überflüssig sind, die vom Land in die Städte getrieben, dort aber nicht als Arbeitskraft vom Kapital eingesaugt werden und daher überhaupt keinen Teil der Gesamtarbeiterin mehr bilden. Gleichzeitig machen die seit den 1920er Jahren noch einmal aberwitzig gewachsenen Produktivkräfte den auch für die Rätekommunisten noch gültigen Gedanken einer Übergangsgesellschaft hinfällig, in der sich der Anteil der Einzelnen am gesellschaftlichen Reichtum auch an ihrer Arbeitsleistung bemisst. Anders als in einer noch viel stärker von Mangel geprägten Epoche geht es heute nicht mehr um eine Revolution, die die Voraussetzungen des Kommunismus herstellt, sondern kann sie sinnvoll nur noch gedacht werden als eine, die sich durch kommunistische, Geld wie Leistungsbemessung überwindende Maßnahmen durchsetzt.5 Während die Revolutionsvorstellung der Rätekommunisten insofern in mehrerer Hinsicht erwartungsgemäß alt aussieht, ist ihre Einsicht, dass die nahtlos in die bürgerliche Gesellschaft eingefügten offiziellen Organisationen der Lohnabhängigen nicht auf andere, revolutionäre Zwecke umgepolt werden können, sondern diese im Ernstfall zwangsläufig durchkreuzen, weil sie nur in eben dieser Gesellschaft eine Existenzberechtigung haben, ungeschmälert aktuell.

Umso merkwürdiger, dass die Societé des Egaux in Mole 1 nach einer von Sympathie getragenen Skizze des historischen Rätekommunismus gerade diese Einsicht kassiert. Natürlich stimmt es, dass er genau wie der von ihm bekämpfte Bolschewismus »gescheitert« ist, was aber nicht viel besagt, schließlich sind alle Revolutionsbemühungen gescheitert, nur deshalb müssen wir uns ja bis heute mit ihnen beschäftigen.6 Genauso selbstverständlich stimmt es, dass die heutigen Bedingungen subversiven Wirkens andere sind als in den 1920er Jahren. Aber wenn die Sociéte am Schluss ihrer Abhandlung eine Kehrtwende vornimmt, indem sie im Parlament »einen wichtigen Vorposten zur Erringung der gesellschaftlichen Hegemonie« ausmacht, vor einer nicht näher bestimmten »Dämonisierung« des Staates warnt und für eine »revolutionäre Doppelstrategie« plädiert, die einerseits auf das ganz Andere hinarbeitet, andererseits die »Kooperation mit linksrefomistischen Parteien« und Gewerkschaften anstrebt, müsste sie entweder zeigen, dass die Rätekommunisten an einer solchen »Dämonisierung« und mangelndem Kooperationswillen gescheitert sind, oder aber, dass die von ihnen abgelehnten Organisationsformen heute einen anderen Charakter haben, der solche Hoffnungen in eine »Doppelstrategie« rechtfertigen könnte. Sie tut weder das eine noch das andere, sondern wiederholt nur den immer häufiger zu vernehmenden frommen Wunsch, durch geschickte Bündnispolitik könne die »Gefahr gesellschaftlicher Marginalität« gebannt werden, womit sie ironischerweise genau das Plädoyer Lenins für die Mitarbeit in Gewerkschaften und Parlamenten aufwärmt, dem sie in eben dieser Frage selbst »ein wenig dialektisches Urteil« attestiert hatte.

Die Rätekommunisten hatten es mit Parteien zu tun, die sich auf den Marxismus beriefen und revolutionär gaben; deshalb konnten sie sie an diesem Anspruch messen und kritisieren. Sie konnten zeigen, dass diese Parteien einen Sozialismus vertraten, der bloß Fortsetzung des Kapitalverhältnisses mit staatlichen Mitteln war. Heute haben wir es mit Parteien zu tun, die als bekennende Realisten jede revolutionäre Phraseologie längst abgelegt haben, und die Frage, ob Revolutionäre die bürgerlichen Institutionen für sich nutzen können oder aber die Institutionen zwangsläufig die Revolutionäre bändigen, ist gegenstandslos geworden. Keinem Linkspartei- oder SYRIZA-Abgeordneten ist je ein vernünftiger Satz zur jetzigen Krise über die Lippen gegangen, sondern immer nur Gefasel über eine bessere Wirtschaftspolitik. Die »Hegemonie«, die die Société mit solchen Kräften erringen will, kann nichts anderes sein als die Hegemonie eines falschen, von Haus aus auf den Staat fixierten Bewusstseins. Schließlich ist das Parlament kein Plenum, auf dem man »emanzipatorische Inhalte zumindest publik … machen«7 kann, sondern der Ort, an dem das staatliche Gesamtinteresse ausgehandelt wird. Jedes besondere Anliegen muss sich dort am so genannten Allgemeinwohl messen lassen, weshalb linke Abgeordnete z.B. Lohnerhöhungen nicht mit den Bedürfnissen der Lohnabhängigen, sondern mit den vermeintlich heilsamen Auswirkungen auf die »Volkswirtschaft« begründen.

Genauso grundlos sind die Hoffnungen auf eine »Radikalisierung« der Gewerkschaften, die die Société mit Blick auf die Streiks in Südeuropa äußert. Der gewerkschaftliche Widerstand gegen die Massenverarmung dort ist bis heute erbärmlich, auf ritualisierte Streiktage beschränkt geblieben, die vor allem dem Selbsterhalt der Apparate dienen. Grund dafür ist nicht eine falsche Führung, eine mangelnde »Hegemonie« der Linken innerhalb der Gewerkschaften, sondern deren Verankerung in der jetzigen Ordnung, in der alleine sie eine Funktion zu erfüllen haben. Läuft der Laden, können sie für die Lohnabhängigen etwas herausholen, läuft er nicht, bleibt ihnen nur die Moderation des Verzichts. Um aus diesem Zirkel auszubrechen, müssten die Lohnabhängigen die ganze Geschäftsgrundlage infrage stellen, und schon mit kleineren Aktionen stoßen sie schnell mit dem herrschenden Gesetz zusammen, dessen Verteidigung für die Gewerkschaften außer Frage steht, schließlich hängt ihre eigene Existenz von ihrer rechtlichen Anerkennung ab. Sicherlich könnten sich die Streiks und Kämpfe in Südeuropa radikalisieren, aber eine solche Radikalisierung würde unweigerlich jenseits gewerkschaftlicher Formen stattfinden.

Mit der latent verschwörungstheoretischen Gewerkschaftskritik mancher Linksradikaler, wonach die Gewerkschaften ein gewichtiger Grund für die Schwäche der Klassenkämpfe sind, haben wir wohlgemerkt nichts am Hut.8 Sie sind eher ein Ausdruck der traurigen Tatsache, dass die jetzige Ordnung als scheinbar alternativlose akzeptiert wird, was sich stärker noch im weitgehenden Fehlen anderer Kampfformen, etwa von wilden Streiks und Betriebsbesetzungen, zeigt. Das war, wie die Société in Erinnerung ruft, in der Ära des Rätekommunismus anders, als ein nicht unbeträchtlicher Teil der Arbeiter, ob in dauerhaften Organisationen oder in spontaner Weise, radikale Anstalten machte. Polemiken gegen die zahmen Gewerkschaften nehmen heute daher schnell den Charakter einer Ersatzhandlung an, insofern das wirkliche Problem ein viel umfassenderes ist. Anders als die Rätekommunisten, die einen roten Faden vom Streik zum Sturz der Verhältnisse erkennen konnten und insofern mit dem Rätegedanken über eine für ihre Zeit schlüssige Revolutionstheorie verfügten, stehen wir heute im Wald. Aus dieser Tristesse hilft aber kein Rückfall hinter einmal erreichte Erkenntnisse heraus, den man sich als gewitzte Doppelstrategie schönredet. Wenn vom Rätekommunismus etwas aktuell geblieben ist, dann nicht zuletzt die Ablehnung alles Taktisch-Manipulativen, wie es heute im ewigen »Hegemonie-« und »Diskurs«-Gedudel ertönt.

Von der operaistischen Kritik zum postoperaistischen Delirium

Während sich der Rätekommunismus im Aufruhr nach dem Ersten Weltkrieg herausbildet, liegen die Ursprünge des Operaismus in den eher friedlichen Dekaden nach dem Zweiten Weltkrieg. Einige linke Intellektuelle in Italien führen diesen sozialen Frieden während des Wiederaufbaubooms auch auf die angepasste Politik von Gewerkschaften und Sozialistischer wie Kommunistischer Partei zurück. Sie gehen zweigleisig vor, indem sie einerseits eine Ideologiekritik der offiziellen Arbeiterbewegung ausarbeiten, sich andererseits in großen Betrieben direkt einer veränderten Arbeiterklasse zuwenden. Dass das Kapital auf eine tödliche Krise zusteuert, scheint nicht zu erwarten. So rückt die Zumutung des stumpfsinnigen Fabrikalltags, für die auch steigende Löhne keine Entschädigung bieten, ins Zentrum der Kritik. Vor allem Raniero Panzieri schlachtet zwei heilige Kühe der damaligen Arbeiterbewegung: die Annahme, Maschinerie und Arbeitsorganisation seien neutral oder gar an sich latent sozialistisch und nicht, wie bei Marx, zwar ein zu realisierendes Potenzial, in ihrer tatsächlichen kapitalistischen Gestalt aber immer auch ein Mittel, die Gesamtarbeiterin zu beherrschen; zum anderen den Fetisch der staatlichen Planung. Beides besitzt angesichts der rapiden Modernisierung Italiens und Elementen staatlicher Wirtschaftslenkung unmittelbare Bedeutung für die Situation der Arbeiter und greift mit den Untersuchungen vor allem Romano Alquatis in einigen Betrieben ineinander, die allerhand Unmut und von den Gewerkschaften ausgeklammerte Konflikte zutage fördern. Dieser frühe Operaismus weist eine starke Nähe zum Rätekommunismus auf, insofern dem Staatsfetisch einer Linken, die lediglich durch Regulierung der Ökonomie den Massen zu steigendem Wohlstand verhelfen will, die Emanzipation der Produzenten vom existierenden Fabrikregime und der Lohnarbeit entgegengehalten wird. Späteren Operaisten galt der Rätegedanke per se als Angelegenheit von Facharbeitern, die sich mit ihrer Arbeit identifizieren, während der neue ungelernte Massenarbeiter nur noch möglichst schnell aus der Fabrik hinauswolle. Ihre zeitweise recht starke Organisation Potere Operaio flirtet immer wieder mit Lenin und sogar Mao, wurde andererseits nicht ohne Grund mit der rätekommunistischen KAPD verglichen, setzte sie doch auf wilde Streiks und direkten Aufstand der Arbeiter. Wie und wofür blieb ziemlich unklar, und vielleicht ist er auch deshalb ins Wasser gefallen.

Das Erbe des Operaismus scheint durchwachsener als das der Rätekommunisten. Seine Kritik an Maschinerie und staatlicher Planung bleibt gültig, hat heute aber an Bedeutung verloren. Immer wieder aufgegriffen wird dagegen die Idee der Untersuchung. Das führt mitunter zu recht ermüdenden Fleißarbeiten über irgendwelche Betriebe, stützt sich aber auf den richtigen Gedanken, dass sich die Widersprüche der jetzigen Produktionsweise nicht nur in Krisen realisieren, sondern auch in der tagtäglichen Schufterei zeigen, weil der Produktionsprozess zugleich Arbeits- und Verwertungsprozess ist. Die gesellschaftliche Fabrik unter dem Aspekt ihrer Veränderbarkeit zu durchleuchten, ist auch heute sinnvoll, und spätestens seit den Interventionen operaistisch geprägter Feministinnen steht außer Frage, dass dies auch den Bereich jenseits der Lohnarbeit einschließen muss.

Der sogenannte Postoperaismus hat mit dem Operaismus der 1960er und 1970er Jahre kaum etwas gemein und verkehrt ihn in mancher Hinsicht ins Gegenteil.9 Geblieben ist nur die Betonung von Kämpfen als Motor der Geschichte, die sich schon bei einigen älteren Operaisten zu dem schrulligen Versuch auswuchs, das gesamte Weltgeschehen auf eine verborgene Macht der Klasse zurückzuführen, und die nun bei den Postoperaisten wie dem heutigen Toni Negri durch vollständige Ausblendung von Niederlagen und Rückschritten kurzerhand ins Konformistische kippt: Soweit sich die Gegenwart als Resultat von Kämpfen verstehen lässt, erscheint sie als Fortschritt. Negri, früher Chef von Potere Operaio, lernte im französischen Exil einige postmoderne Meisterdenker kennen, wovon er sich nie wieder erholt hat. Seit über zehn Jahren strickt er am Mythos einer sogenannten Multitude, deren Aufbegehren das alte Fabrikregime auf den Müllhaufen der Geschichte befördert und ein neues Zeitalter der freien Kooperation eingeläutet habe. Lag ein Verdienst der Operaisten gerade darin, die kapitalistische Geformtheit des Arbeitsprozesses zu untersuchen, stellt dieser sich Negri als ein bereits befreites Terrain dar, dem das Kapital als rein äußerlicher »Parasit« gegenübersteht. Aufgedonnert mit Modewörtern wie »Biopolitik« und »immaterielle Arbeit«, ist dies bloß eine Regression auf die Ideologie Lenins, dem die deutsche Reichspost bekanntlich als Modell der sozialistischen Zukunft galt. Selbst die Kategorie Wert mutiert zu einer positiven. Weil die Produktionsverhältnisse gar nicht mehr revolutioniert werden sollen, begnügt sich Negris Multitude mit der, gleichwohl illusorischen, Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. Negris Vorschläge für eine europäische Verfassung und sein – genau wie das Grundeinkommen – auf eine Quadratur des Kreises hinauslaufender Ruf nach universeller Staatsbürgerschaft zeigen derweil, dass es ihm auch mit der Staatskritik nicht besonders ernst ist, auch wenn eine der phantastischen Eigenschaften der Multitude gerade darin bestehen soll, nicht in den bestehenden Institutionen repräsentierbar zu sein.

Was Philipp Metzger reitet, den Postoperaismus in Mole als »Interventionsstrategie für die radikale Linke« anzupreisen, ist angesichts dessen schleierhaft. Ihn fasziniert offenbar der banale Gedanke, dass die Menschen, die heute gegen die Verhältnisse rebellieren und sie vielleicht einmal umstürzen werden, recht unterschiedliche sind, was in einer akademischen Angebersprache als »Pluralität der Singularitäten« beschrieben wird (die sich sogar, verstehe wer kann, zu »Singularitäten auf Tausend Plateaus« mausern). Tatsächlich variiert er seitenlang unermüdlich diesen einen Gedanken, dass es um ein »Zusammentreffen der unterschiedlichen Singularitäten« gehe, die Linken früher blöderweise »nicht plural sondern singular« gedacht hätten, obwohl doch »eine erfolgsversprechende Strategie nicht hinter die Pluralität der Singularitäten zurückfallen kann«, schließlich kann »kein Subjekt allein die Hegemonie erringen«, und darum ist die »Multitude« dann auch »kein einheitliches Subjekt, sondern sie meint das, was zwischen den Subjektivitäten das Verbindende ist«, ist anders gesagt »das gemeinsamen Handeln der Singularitäten«, ja die »Pluralität findet sich in den Kämpfen zusammen« usw. usf.

Zur Verdeutlichung wird einerseits die Globalisierungsbewegung angeführt, in der auch »Kleinbauern des Südens« und »von feministischen bis zu religiösen Gruppen« schier jeder sein Plätzchen fand (der Autor meint das als Kompliment), andererseits der Sturz Mubaraks in Ägypten (man ahnt es schon: »Der Umsturz war erst in dem Moment möglich, als die unterschiedlichen Singularitäten – ohne ihre Unterschiede aufzugeben – sich in der Multitude vereinten.«) Warum hat die Globalisierungsbewegung ins Gras gebissen, und ist dies ein Verlust? Was ist in den letzten drei Jahren aus der ägyptischen »Multitude« geworden, warum sieht es dort so singulär trostlos aus? Berauscht von der bunten Vielfalt der Akteure stellt der Autor diese Fragen gar nicht erst. Wogegen und wofür gekämpft wird, ist überhaupt zweitrangig; es geht vage »um eine demokratische Organisierung des Gemeinsamen jenseits des Staates«, konkret: »Bildung, Wasser und Banken sollen Gemeingut jenseits des Staatsbesitzes werden«. Banken als Gemeingut – ist das nicht eine ziemlich hirnrissige Forderung? Vielleicht, vielleicht nicht: »Es gibt Wahrheit – die Wahrheit der Pluralität der radikalen Kritik.«

Weil das ganze Begriffsgeklingel eh nichts besagt, ist es nur konsequent, wenn der Autor die Frage, »ob man den Begriff der Multitude aus philosophie-theoretischen [?] Gründen für stringent oder inkonsistent hält«, kurzerhand als »unerheblich« abtut. Wie die wild zusammengewürfelten Beispiele für das heutige Wirken der Multitude zeigen, dient der Begriff nur dazu, einen Zusammenhang vorzugaukeln. Offenbar liegt darin das Erfolgsgeheimnis der Schriftstellerei Negris: Sie gibt Aktivisten das Gefühl, mit ihren meist wenig erfolgreichen Aktivitäten dennoch Teil eines großen historischen Projekts zu sein. Dessen Hohlheit wird durch pompösen Jargon verdeckt. Eine gewöhnliche Bündnisdemonstration heißt in dieser Sprache »Versuch das Verbindende zwischen den unterschiedlichen Subjektivitäten zu radikalisieren«, das damit verbundene Gerödel erstrahlt als »der konstruierende Prozess des Gemeinsamen als Vorbereitung auf das Ereignis als radikalen Bruch« (Metzger). Was das alles heißen soll, wissen wir nicht, und ob es überhaupt etwas heißt, ist sicher »unerheblich«.

Aussichten

Mit dem sogenannten Postoperaismus landet die Linke, wenn auch in einer ganz anderen historischen Konstellation, in gewisser Weise wieder bei dem, womit Rätekommunisten und Operaisten brechen wollten: bei der Fortschreibung des Bestehenden durch seine damals staatssozialistische, heute radikaldemokratische Umetikettierung. Wo Wert zu einer positiven Kategorie wird, man von Banken im Gemeinbesitz träumt, die bestehenden Arbeitsverhältnisse als Vorschein der Autonomie verklärt und bloß ein Grundeinkommen verlangt, kommt die jetzige Produktionsweise ungeschoren davon. Entscheidend am Proletariat war für Marx, dass es sich qua Revolution nicht verwirklicht, sondern abschafft; er hatte einen negativen Klassenbegriff. Die Multitude dagegen wird als etwas Positives gedacht; sie muss nur noch ihre äußeren Fesseln, den »Parasiten« Kapital, abstreifen. Weit über die Gemeinde des Sankt Antonio hinaus kommt diese konformistische Wende in der Rede von einer zu erringenden »Hegemonie« zum Tragen. Die bestehenden Institutionen gilt es dann nicht mehr zu zersetzen, sondern anders zu gebrauchen; daher die altväterliche Mahnung, man dürfe sich auf keinen Fall durch eine »Dämonisierung« des Staats »ins Abseits manövrieren«.

Dass antiautoritäre Kommunisten, von der Pose des einsamen Kritikers zu Recht ermüdet, gerade in der großen Krise allerhand Spielräume für politische Hegemoniekämpfe ausmachen und sich als Diskurs- und Bündnisklempner betätigen, ist einerseits blöd, hat andererseits Gründe.10 Während es in den Unruhen der letzten Jahre an antiautoritären Momenten nicht fehlt, ist Kommunismus nirgends in Sicht. Er scheint bestenfalls für sehr kurze Momente in sehr embryonaler Gestalt auf, etwa in der geldlosen Bedürfnisbefriedigung auf dem besetzten Tahrir-Platz, in dem manche nicht ohne Grund eine Commune gesehen haben, ist als eine über den Augenblick der Revolte hinaus andauernde und obendrein weltweite Einrichtung der Gesellschaft aber zurzeit nicht mal ein bedeutender Gedanke, geschweige denn eine wirkliche Bewegung. Im theoretischen Wirrwarr der Linken spiegelt sich die praktische Ziellosigkeit der Kämpfe. Vermutlich wird die Sucht nach Politik erst dann abklingen, wenn in der Praxis der atomisierten Gesamtarbeiterin und der Überflüssigen so etwas wie neue, zeitgemäße Räte entstehen, die in pfiffigen Doppelstrategien den wie immer mit guten Absichten gepflasterten Weg ins Verderben erkennen. Ob man in eine solche zurzeit noch sehr unklare Richtung wirkt oder in das manipulative Hegemonie-Gedudel einstimmt, ist allerdings eine Entscheidung, die jeder schon heute treffen kann.

Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft

  • 1. So stellvertretend für viele Bini Adamczak, Gestern Morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft, Münster o.J. Adamczaks Buch wurde in der Linken wohl deshalb so überschwänglich aufgenommen, weil es deren Seelenhaushalt ausbuchstabiert: ein zur Schau gestelltes Leiden an der Geschichte und vor allem an der eigenen »Einsamkeit«, das allerdings klammheimlichen Genuss bereitet, denn als Prämie für die ganze Trauerarbeit winkt die kommunistische Identität. Die melancholische Selbststilisierung zur einsamen Kritikerin ist nur das Spiegelbild der Volks- oder Arbeitertümelei von Linken, die sich immer eins mit »den Massen« wähnen.
  • 2. Ums-Ganze-Bündnis, Staat, Weltmarkt und die Herrschaft der falschen Freiheit (2009).
  • 3. Paul Mattick, Council Communism, in: Anti-Bolshevik Communism, London 1978, S. 83.
  • 4. Ausführlich dazu unser Text »28 Thesen zur Klassengesellschaft«, Kosmoprolet 1 (2007).
  • 5. Zu den klassischen rätekommunistischen Vorstellungen, siehe Gruppe Internationaler Kommunisten (Holland), Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung [1930], Berlin 1970. Zu ihrer Historisierung: das darin enthaltene neue Vorwort des rätekommunistischen Veteranen Paul Mattick sowie unsere Debatte mit der französischen Gruppe Théorie Communiste in Kosmoprolet 3 (2011).
  • 6. Nebenbei und ganz unvermittelt schreibt die Societé, die »Erfahrung, dass die Bewegung der Klasse in Krisen und Todeskrisen, in die Judenvernichtung führte und immer wieder eher in rassistisches und antisemitisches Menschenschlachten, statt in eine progressive Bewegung mündete«, sei »evident«. Uns scheint diese vermeintliche »Erfahrung« ein linkes Hirngespinst zu sein, das einem sehr eigentümlichen Geschichtsrevisionismus gleichkommt. Arbeiter haben immer dann bei Barbarei jeder Art mitgemacht, wenn es keine »Bewegung der Klasse« gab.
  • 7. Die Société räumt ein, »die Vergesellschaftung der Produktionsmittel« sei nicht über das Parlament zu bewerkstelligen, »die Inhalte« ließen sich dort insofern »nur zum Teil« durchsetzen. Aber auch die als Beispiel angeführte »Schwulen- und Lesben Emanzipation« fand nicht im Parlament, sondern in langwierigen Kämpfen statt, und wurde dort lediglich ratifiziert. Übrigens war es keine Linksregierung, sondern die CDU, die den infamen §175 schließlich 1994 vollständig abschaffte.
  • 8. Vgl. Gruppe Eiszeit, Schranken proletarischer Emanzipation, Kosmoprolet 3, und die auf unserer Webseite nachzulesende Debatte darüber mit der Internationalen Kommunistischen Strömung (IKS).
  • 9. Ausführlicher zu Operaismus und Postoperaismus: Kosmoprolet 1 sowie das Interview mit zwei Leuten von uns, das 2007 für die Zeitschrift Phase 2 geführt wurde.
  • 10. Welche Blüten das konkret mit Blick auf die aktuelle Krise treibt, haben wir in »Krisenlösung als Wunschkonzert« (analyse & kritik 580, Februar 2013) gezeigt.